Projekt Duisburg 7.2.2010

February 8th, 2010 by clauschristian

Abgesehen von unserem Haus, das sich direkt gegenüber einer Schule befindet, ist die St-Johann Straße eher lauschig und ruhig, es gibt lediglich gelegentlichen Anwohnerverkehr, geräuschmäßig gar nicht zu vergleichen mit der parallel gelegenen Wanheimer Straße oder der Jarresstraße. Architektonisch bietet sie einen Mix aus Gründerzeithäusern (oder ist das schon Jugendstil?) und Nachkriegsneubauten wobei sich Alt- und Neubauten die Waage halten. Vielleicht sollte man sich nicht alle Rückseiten der Häuser anschauen, unseres beispielsweise ist eines von zwei Häusern, die an dieser Ecke die Bombengriffe des zweiten Weltkrieges überstanden haben und von der Hofseite her sieht man ihm das auch recht deutlich an, diese Seite wurde nicht verputzt.. Die entstandenen Lücken wurden dem Stil nach zu urteilen schätzungsweise in den 50ern geschlossen. Einigen Häusern merkt man schon an, dass der letzte Außenputz schon einige Jahre alt sein muss, aber nirgends bröckelt es. Ich freue mich schon auf den Sommer, denn den einzigen grünen Teil der Straße, nämlich den Schulhof mit seinen Bäumen werden wir dann direkt vor unseren Fenstern haben und so was schätze ich als Hitzeempfindlicher sehr. Zu der Schule kann man nicht eigentlich viel sagen, vom Stil her würde ich ihr Baujahr in den dreißiger Jahren vermuten, nicht ganz so wuchtig und erschlagend wie viele Schulbauten vom Anfang des letzten Jahrhunderts, eher praktisch und funktional, in ihrem Anspruch an Repräsentativität aber noch als Schule erkennbar. Ich kenne die Schulformen in der Bundesrepublik immer noch nicht richtig, aber rein vom Alter der Kinder her tippe ich darauf, dass es eine Grundschule ist. Was mich sehr begeistert, ist die Pausenklingel, die wie der Filmanfangsgong in einem Kino klingt, in meiner Schule hatten wir da nur eine nervtötende Hupe. Aber ob die Kinder des Gongs wegen glücklicher sind, wäre noch zu erörtern.
Angesichts der Kinder beschleicht mich ausserdem noch schon so ein wenig Neid ihres Bewegungsdranges wegen. Freiwillig und ohne Bezahlung sich schnell bewegen – schlicht unvorstellbar für mich, der ich, entfleucht einer Familie bestehend aus lauter Sportfanatikern, mir in Bearbeitung dieses Traumas irgendwann mal den Spruch zu eigen gemacht habe „Jede Bewegung außer zur Ernährung oder zur Fortpflanzung ist sinnlos“.

Projekt Duisburg 6.2.2010

February 7th, 2010 by clauschristian

Was die Freundlichkeit angeht, oder sagen wir mal Höflichkeit, mit zunehmendem Alter weiß ich letzteres mitunter doch mehr zu schätzen, habe ich hier bis jetzt schon ganz verschiedene Erfahrungen gemacht. Da ist der Pizzabäcker mit Straßenverkauf, bei dem man sich mit Extrawünschen in keinster Weise als aufdringlich empfindet, der Kioskinhaber, den mein Erscheinen zwar zu irritieren scheint, mich aber trotzdem korrekt bedient, der Internetcafèbesitzer, der sich auch die Zeit nimmt, die entsprechenden Anschlüsse für meine Festplatte zu finden, obwohl sein Laden wirklich stark frequentiert wird. Dann der junge Mann, der mich auf den Umstand aufmerksam macht, dass ich mit offenem Rucksack durch die Gegend marschiere. So weit so gut, aber dann passierte natürlich auch das, was jemand mit meiner Skepsis als Omen sehen würde: da gab es zwei recht recht nachlässig gekleidete (Kapuzenshirts etc…) Jugendliche, die mir erst Gras verkaufen wollen, worauf ich unter Verweis auf meine vorgeblich prekäre finanzielle Situation nicht einging, was diese nach mehreren Versuchen, den Preis meinen Möglichkeiten anzupassen und meinem Verneinen bis hin zu einem Euro schließlich von einer Sekunde auf die andere in ein wüstes Beschimpfen verfallen ließ. Ich war sehr irritiert, aber ob des Skurrilen und Absurden der Situation mehr belustigt als verärgert, was die beiden Nachwuchsdealer noch mehr aufbrachte. Erst der eine den anderen und dann umgekehrt haben sie sich dann aber doch gegenseitig davon überzeugt, dass ich für maskuline Schauspielereien nicht ganz der taugliche Interaktionspartner bin und sie verabschiedeten sich in kämpferischem Habitus mich mit einem Begriff betitelnd, der den Sohn einer der Profession der käuflichen Liebe nachgehenden Frau bezeichnet. Ich glaube, wäre die Straße nicht so belebt gewesen, hätte es auch in Tätlichkeiten ausarten können, so aber stand ich recht ratlos herum und konnte mir keinen Reim auf einen solch offensichtlichen Mangel an Interaktionskultur machen. Rüttlischule und Dominik Brunner schossen mir durch den Kopf und die eigenartige Dynamik, die noch so krude Argumentationsformen als schlüssig und angebracht erscheinen lassen, wenn da eben nur zwei Leute sich gegenseitig in ihrem Wahn bestätigen. Und ich erinnere mich an einen Dialog mit meinem Mitbewohner, der meine Vorbehalte gegen Drogengebrauch unter Minderjährigen nicht recht verstehen wollte, mir durch die Blume sogar Uncoolness und Spiessertum attestieren wollte.

Projekt Duisburg 5.2.2010

February 6th, 2010 by clauschristian

Was hat es mit dem Fremdsein auf sich? Ich, der ich hier seit etwas über vier Wochen wohne, fühle mich fremd. Ja, ich schreibe, ich wohne, nicht, ich lebe hier. Fremd unter Fremden, die vielleicht oder besser gar nicht mehr so fremd sind wie ich, der ich neu hier bin. Fremd auch, weil ich mich mit dem Fremdsein mehr identifizieren kann als mit dem Heimisch-Sein. Wenn Du öfters genötigt warst, Dein eigentliches Fremdsein erkennen zu müssen bemühst Du Dich auch, dieser Situation etwas abzugewinnen, vielleicht auch, das Fremdsein zu einer Ideologie werden zu lassen, die Dir jederzeit die Berechtigung zum Rückzug bietet oder aber den kalten analysierenden Blick legitimiert.
Der Fremde erkennt Zusammenhänge, der Einheimische erkennt Zusammenhänge. Zum Teil der Interaktion der Einheimischen zu werden heißt, das Erkennen der Zusammenhänge des Einheimischen zu akzeptieren, ihm mit einem gewissen Wohlwollen zu begegnen, obwohl logisches Nachvollziehen oft nicht wirklich möglich ist. Teil eines Sozialzusammenhangs werden zu wollen setzt nach meiner vorurteilsbehafteten Sicht voraus, viele logisch erkennbare Zusammenhänge beiseite zu stellen, um in den Genuss sozialer Akzeptanz und Zuneigung zu kommen. Ich soll sehen, was ich sehen soll und diese Sicht soll durch mehr oder weniger emotionale Darbietungsweise zu meiner werden. Und diesen Kotau zu einem von mir gewollten werden zu lassen legitimiert mich als als zu akzeptierendem Wesen. Doch, was will man mit sich machen lassen? Wie weit soll der Kniefall gehen?

Projekt Duisburg 3.2.2010

February 4th, 2010 by clauschristian

Hallo! Nun endlich habe ich das Tool zum Arbeiten bekommen und dazu aufgrund der Beschaffenheit meiner eigenen mittelalterlichen Kiste einen brandneuen Rechner. Darüber bin ich sehr froh, die Hassliebe zu meiner Maschine hatte zwar auch drollige Züge und stand auch irgendwie exemplarisch für mein durch und durch masochistisches Verhältnis zum Leben, aber für die Ansprüche jetzt hier genügt er einfach nicht. Wenn ich bei jedem Hochfahren eine halbe Stunde warten muss und im Word eineinhalb Zeilen mal eben gar nicht sehen kann, was ich geschrieben habe, ist das einfach alles recht mühselig und ließ sich nur ertragen, weil ich recht viel Zeit hatte. Jetzt kann es also los gehen mit dem, was für mich das Wichtigste am Projekt ist, dem Schreiben.
Nun hier die ersten Erlebnisse in Hochfeld auf einen Punkt zu bringen, will nicht leicht fallen. Sicherlich, Klischees und Stereotypen zu benennen, die eigenen, und sich von deren eventuellen Hintergründen, die ich nicht kenne, überraschen zu lassen, das sollte ja für mich so das oder eines der Konzepte sein. Sich das jedoch in der Theorie vorzustellen und das dann wirklich Praxis werden zu lassen sind schon zwei paar Schuhe, da werde ich mich auch auf Überraschungen gefasst machen müssen.
Wichtig und neu ist, dass ich hier seit langem mal wieder mit jemandem zusammenlebe und das ist nicht eben ganz einfach für mich, da ich seit einigen Jahren eine ganz extreme und tiefgehend institutionalisierte Form des Alleinseins gepflegt habe. Die psychologisch interessante Konstellation, hier einfach mal Menschen aufeinander treffen zu lassen (bei einer Bewerbung für eine Wohngemeinschaft konnte man sich nicht aussuchen, mit wem man zusammen ziehen würde), birgt bei allem Idealismus logischerweise auch die Möglichkeit absoluter Antipathie oder zumindest ausgeprägten Desinteresses. Muss nicht so sein, kann aber. Ich möchte und muss es jedoch als Möglichkeit zur Entwicklung wahrnehmen.
Bei mir bemerke ich mein mir nicht unbedingt sympathisches Bemühen, mein Gegenüber zu verobjektivieren, ihn zu analysieren, manche sagen, „bei lebendigem Leib zu obduzieren“. Ich fühle mich erinnert an Martin Buber, dieses Problem hat er in seinem Buch „Ich und Du“ sehr eindrücklich beschrieben, dass das Gegenüber in seiner eigenen nicht zu beeinflussenden unendlich entfernten Wirklichkeit eine Gefahr darstellen kann, derer wir uns bemühen Herr zu werden, indem wir es funktionalisieren und zum Objekt werden lassen. Sind wir sehr verliebt in unsere Fähigkeit, Generalisierungen zu bestätigen und schnell und treffend Stereotypen in unserem Gegenüber zu orten, werden wir auch bestrebt sein, unserem Gegenüber nur die Möglichkeiten der Artikulation zu lassen, die uns in unserem Urteilsvermögen nur peripher in Frage stellen werden. Unser Bedürfnis nach Sicherheit also beschneidet die Wirklichkeitsmöglichkeiten unseres Gegenübers.
Hatte ich anfangs im Verhalten meines Mitbewohners recht schnell Geiz, Selbsteingenommenheit und einen leichten Größenwahn diagnostiziert, bin ich jetzt nach einigen Wochen der Meinung, sein Verhalten hat auch etwas recht Verzweifeltes, ist geprägt von einem Bemühen Fixpunkte zu zelebrieren, die unter Umständen mir nicht als solche erscheinen wollen, vom Bedürfnis, sich an sich selbst zu berauschen und eigene Lebensentscheidungen zu allgemeinen Grundsätzen zu erheben. Und auch diese Beurteilung muss ich und möchte ich als etwas Vorläufiges behandeln, da ich ihre Hintergründe noch gar nicht kennen kann. Genau so kann sich herausstellen, dass ich eventuell hier oder da meinen ganz persönlichen Größenwahn pflege, der mich glauben lässt, ich könnte da was erkennen, was der Andere nicht weiß. Es wird spannend.

Großzügigkeit für gutherzige Menschen normal – Mandelkern reagiert bei prosozialen Personen automatisch

December 26th, 2009 by clauschristian

Tokio  – Vor Weihnachten in eine großzügige Stimmung zu kommen, fällt Menschen nicht immer leicht. Anders als bisher angenommen, scheinen großzügige Menschen jedoch nicht einfach nur das Bedürfnis zu unterdrücken, den anderen über den Tisch ziehen zu wollen. Masahiko Haruno von der Tamagawa University http://www.tamagawa.jp/en  hat jetzt nachgewiesen, dass Großzügigkeit oder das Bedürfnis nach Fairness automatisch sind und auf der Aktivierung eines Gehirnbereichs beruhen, der Intuition und Emotion kontrolliert. Details der Untersuchung wurden in Nature Neuroscience http://www.nature.com/neuro  veröffentlicht.

“Automatische” Aversion” gegen Ungerechtigkeit

Neuropsychologen definieren “prosoziale” Menschen als jene, die es vorziehen zu teilen und zwar gerecht. Individualisten definieren sie als jene, die vor allem auf ihren eigenen Vorteil bedacht sind. Eine Theorie geht davon aus, dass der Unterschied zwischen diesen beiden Gruppen darin besteht, dass prosoziale Menschen ihre selbstsüchtigen Tendenzen mit Hilfe ihres präfrontalen Kortex aktiv unterdrücken. Haruno fragte sich jedoch, ob manche Menschen nicht eine “automatische” Aversion” gegen Ungerechtigkeit haben. Er scannte gemeinsam mit Christopher Frith vom University College London http://www.ucl.ac.uk  die Gehirne von 25 prosozialen Menschen und 14 Individualisten. Die Festlegung in diese Gruppen wurde zuvor mit Hilfe eines Standard-Verhaltenstests vorgenommen.

Die Scans wurden durchgeführt, während die Teilnehmer ihre Vorliebe für eine Reihe von Geldverteilungen zwischen ihnen selbst und hypothetischen anderen festlegten. Wie erwartet, bevorzugte die prosoziale Gruppe eine gerechte Aufteilung und die Individualisten eine, bei der sie das meiste Geld bekamen. Weniger vorhersehbar war, dass die einzige Gehirnregion, deren Aktivität sich bei den beiden Gruppen unterschied, der Mandelkern war. Bei prosozialen Menschen erhöhte sich die Aktivität deutlich, wenn sie mit unfairen Geldverteilungen konfrontiert wurden. Je mehr ihnen die Verteilung widerstrebte, desto größer war laut Frith auch die Aktivität.

Der Mandelkern neigt laut dem Wissenschaftler dazu, automatisch zu reagieren, ohne einen Gedanken oder sogar auch ohne Bewusstsein. In Kombination mit der Tatsache, dass es keine unterschiedliche Aktivität im präfrontalen Kortex gab, liegt nahe, dass die Unterdrückungstheorie nicht ausgereift zu sein scheint. Um ihre Annahmen zu überprüfen, wiederholten die Wissenschaftler den Test. Die Teilnehmer wurden ersucht, eine Gedächtnisaufgabe in der gleichen Zeit zu lösen. Es zeigte sich, dass die Gehirne der prosozialen Menschen noch immer auf unfaire Verteilungen reagierten, selbst dann, wenn die Gehirnbereiche, die für abwägende Vorgänge zuständig sind, mit anderen Aufgaben beschäftigt waren. Damit liegt nahe, dass sie keine eigennützigen Bedürfnisse unterdrückten.

Interaktionen während der Kindheit

Carolyn Declerck, eine Neuroökonomin der Universiteit Antwerpen http://www.ua.ac.be , erklärte laut NewScientist, dass diese Ergebnisse mit ihren eigenen noch nicht veröffentlichten übereinstimmen. Prosoziale Menschen scheinen tatsächlich von einem automatischen Moralgefühl angetrieben zu sein. Alle bisherigen Tests und Scans hätten ergeben, dass diese Menschen wirklich instinktiv kooperieren. Haruno will in einem nächsten Schritt erforschen, wie es zu diesem Unterschied der Aktivität des Mandelkerns kommt. Teilweise sei er vermutlich genetisch, teilweise aber auch durch die Umwelt eines Menschen beeinflusst. Dabei spielten vor allem die Interaktionen während der Kindheit eine Rolle. Es sei denkbar, dass diese Aktivität gefördert werden könnte. Damit sollte eines Tages eine prosozialere Gesellschaft möglich werden.

Aussender: pressetext.austria
Redakteur: Michaela Monschein
email: monschein@pressetext.com

 http://www.pressetext.de/news/091222007/grosszuegigkeit-fuer-gutherzige-menschen-normal/

Entwaffnende Bilder – Zeichentests zeigen, wie unterschiedlich Schimpansen und Menschen denken

December 26th, 2009 by clauschristian

Von Michael Stang
Dass einige Tiere malen können, wenn man ihnen nur Pinsel und Farbe gibt, ist bekannt. Doch welchen Regeln sie dabei folgen, war bisher weitgehend unklar. Nun hat ein japanischer Forscher das Malverhalten von Schimpansen und Menschenkindern verglichen.

Malende Tiere sorgten schon Anfang des 20. Jahrhunderts in Zoos auf der ganzen Welt für Aufsehen. Elefanten, Gorillas und Schimpansen bekamen Pinsel und Farben in Rüssel und Hand gedrückt und malten wild drauf los. Einige Bilder von Menschenaffen erzielten auf Auktionen sogar Höchstpreise, weil ihnen gewisse künstlerische Fähigkeiten zugesprochen wurden. Tetsuro Matsuzawa wollte es nun genauer wissen. Haben Affen beim Malen tatsächlich eine konkrete Vorstellung von dem, was sie aufs Papier bringen?

“Wenn man Schimpansen einen roten Apfel zeigt, werden sie ihn versuchen nachzumalen und wählen sie rote Farbe? Nein. Sie malen nichts Konkretes und das war die erste wichtige Erkenntnis.”

Der Direktor des Primatenforschungszentrums der Kyoto-Universität konnte bei keinem seiner Schimpansen erkennen, dass sie in der Lage waren, Dinge abzuzeichnen. Um zu sehen, was unsere nächsten lebenden Verwandten beim Malen erkennen und was nicht, gab er seinen Schimpansen im nächsten Versuch deshalb nicht mehr nur Stift und weißes Papier.

“Danach habe ich den Test variiert und den Schimpansen ein Malbuch für Kinder gegeben, mit lustigen Geschichten von Tieren und Menschen. Sie haben jedes Mal nur die für sie wichtigen Informationen markiert, also etwa die einzelnen Personen. Damit konnten wir erstmals sehen, wie die Schimpansen die Welt wahrnehmen und was wichtig für sie ist. Ich war so fasziniert.”

Auch auf weiteren Bildern im Malbuch markierten die Schimpansen stets nur die für sie wichtigen Informationen, etwa bei einer Bauernhofszene. Während eine Katze völlig außer Acht gelassen wurde, kennzeichneten alle deutlich den Hofhund als möglichen Feind, zudem die Haustür samt Türklinke als mögliche Fluchtoption, auch potentielles Futter wurde deutlich eingekreist. Um herauszubekommen, wie es um die Vorstellungskraft der Schimpansen bestellt ist, erschwerte Tetsuro Matsuzawa die Aufgabenstellung. Er legte nicht nur seinen Affen, sondern zum direkten Vergleich auch Kleinkindern verschiedener Altersgruppen daraufhin skizzierte Gesichter vor. Diese waren jedoch nicht vollständig. Entweder fehlte ein Auge, die Nase oder der Mund.

“Wir haben sieben Schimpansen diese Gesichter vorgelegt und alle haben immer nur die Sachen markiert, die vorhanden waren, also Nase oder Ohr. Keiner hat sich für die fehlenden Augen interessiert. Das ist bei menschlichen Kindern bis zu drei Jahren ähnlich. Ältere Kinder jedoch ergänzten allesamt die Augen – einfach weil sie fehlten.”

Damit konnten Masuzawa und seine Kollegen erstmals zeigen, was die Schimpansen beim Malen sehen und denken. Sie hatten zwar die Gesichter zum Teil erkannt, ihnen war aber – im Gegenteil zu den Menschenkindern – nicht bewusst, dass sie unvollständig waren.

“Schimpansen sehen nur das, was vorhanden ist. Sie bemerken nicht, wenn etwas fehlt. Menschen haben diese einzigartige Fähigkeit entwickelt, eine Art Idealbild – in diesem Fall war es das Gesicht – vor Augen zu haben, was sie dann abgleichen können. Dadurch bemerken wir sofort, wenn etwas fehlt. Das können Schimpansen nicht, nur der menschliche Geist ist dazu in der Lage.”

© 2009 Deutschlandradio

http://www.dradio.de/dlf/sendungen/forschak/1092638/

Schizophrenie: Ein Wahrnehmungsfehler verursacht das Gefühl der Fremdbestimmung

December 18th, 2009 by clauschristian

Pressemitteilung des Hertie-Institut für klinische Hirnforschung (HIH)

Ein Fehler in der Wahrnehmung der eigenen Bewegungen verursacht bei Schizophrenie-Patienten das Gefühl der Fremdbestimmung, ein charakteristisches Symptom der Schizophrenie. Zu diesem Ergebnis kommen Wissenschaftler des Hertie-Instituts für klinische Hirnforschung (HIH) im Universitätsklinikum Tübingen in einer in BRAIN erschienenen Studie, die mit Beteiligung der Universitätsklinik für Psychiatrie entstanden ist. Die Wissenschaftler wiesen erstmals einen direkten Zusammenhang zwischen einem Defizit in einem basalen Wahrnehmungsmechanismus für die eigenen Bewegungen und dem Symptom der gefühlten Fremdbestimmung nach.
In Deutschland leiden rund 800.000 Menschen an Schizophrenie, die von psychotischen Krisen mit Wahnvorstellungen, Halluzinationen und Störungen der Denkabläufe gekennzeichnet ist. Ein charakteristisches, bislang nur unzureichend erklärtes Symptom dieser Erkrankung ist die Überzeugung der Patienten, dass die eigenen Handlungen fremdbeeinflusst werden (Ich-Störungen).

Die vorliegende Studie zeigt: je stärker ein spezielles Defizit in der Wahrnehmung der eigenen Bewegungen, um so ausgeprägter das Symptom der empfundenen Fremdbestimmung bei Schizophrenie-Patienten. “Unser Gehirn erstellt kontinuierlich interne Vorhersagen über die visuellen Konsequenzen der eigenen Bewegungen und vergleicht das Vorhergesagte mit den tatsächlich eintretenden Konsequenzen. Wenn vorhergesagte und tatsächliche Konsequenzen übereinstimmen, registriert es die Bewegungskonsequenzen als selbstverursacht; wenn sie nicht übereinstimmen, dann nimmt es eine externe Verursachung oder Beeinflussung an”, beschreibt der Neurowissenschaftler Dr. Matthis Synofzik diesen Mechanismus. Bei Schizophrenie-Patienten sind diese internen Vorhersagen über die eigenen Bewegungen ungenau. Darum sind sich die Patienten unsicher, welche Bewegungen sie selbst verursacht haben und welche extern beeinflusst wurden.

Die Ergebnisse der Tübinger Wissenschaftler belegen erstmals die seit längerem kontrovers diskutierte Vermutung, dass das Gefühl der Fremdbeeinflussung bei Schizophrenie nicht primär auf Fehlern der Gedanken und Überzeugungen beruhe, sondern auf einem Defizit in einem basalen Wahrnehmungsmechanismus, nämlich ungenauen inneren Vorhersagen über die Konsequenzen der eigenen Bewegungen. Aufgrund der ungenauen Vorhersagen müssen Schizophrenie-Patienten um so mehr auf anderweitige, potentiell irreführende Informationen und Überlegungen zurückgreifen, so die Folgerung der Forscher.
Bereits 2005 hatte die Forschungsgruppe in einer Studie, in der die Verarbeitung der visuellen Konsequenzen der eigenen Augenbewegungen untersucht wurde, Hinweise darauf gefunden, dass bei Schizophrenie interne Vorhersagen über die Konsequenzen der eigenen Bewegungen ungenau sind (Lindner et al. 2005; Current Biology). Dieses sollte nun in der aktuellen Studie anhand von Handbewegungen weitergehend untersucht werden.

Die Probanden, 20 Schizophrenie-Patienten und 20 gesunde Kontrollpersonen, sahen ihre Handbewegungen nicht direkt, sondern als Projektion auf einer Spiegelfläche oberhalb ihrer Hand. Durch diesen Aufbau konnte die visuelle Rückmeldung der eigenen Handbewegung gegenüber der tatsächlich durchgeführten Handbewegung verdreht werden. Im Vergleich zu den Kontrollprobanden konnten Schizophrenie-Patienten nur eingeschränkt erkennen, ob die im Spiegel beobachtete Bewegung gegenüber ihrer tatsächlich durchgeführten Bewegung verdreht war oder nicht. Diese Beeinträchtigung bei der Wahrnehmung der eigenen Bewegung war umso größer, je stärker die Patienten Gefühle der Fremdbeeinflussung im Alltag erlebt hatten. Das zweite Experiment sollte überprüfen, ob dieses generellere Wahrnehmungsdefizit speziell auf einem Fehler bei den inneren Vorhersagen über die visuellen Konsequenzen der eigenen Bewegungen beruht. Hier gab es einzelne Testdurchläufe, in denen die Bewegungen, die die Studienteilnehmer anschließend beschreiben sollten, nicht im Spiegel dargestellt wurden. Sie erhielten also keine visuelle Rückmeldung und mussten sich bei den Angaben über ihre Bewegung auf ihre innere Vorhersage verlassen. Das Ergebnis: Schizophrenie-Patienten konnten nur sehr ungenaue Angaben machen, wohin sie ihre Handbewegung ausgeführt hatten, wenn sie sich nur auf ihre eigene innere Vorhersage verlassen mussten. Auch diese Ungenauigkeit korrelierte mit dem Erleben von Fremdbeeinflussung im Alltag: Das spezielle Wahrnehmungsdefizit war umso größer, je stärker die Patienten Gefühle der Fremdbeeinflussung ihrer Handlung erlebt hatten. Diese spezifische Ungenauigkeit korrelierte zudem auch mit der Ungenauigkeit bei der Wahrnehmung der eigenen Bewegungen in dem ersten Experiment.
In eingestreuten Testdurchläufen wurde beobachtet, dass die Ungenauigkeit bei der Einschätzung der eigenen Bewegungen dazu führte, dass sich die Patienten mehr auf die visuelle Rückmeldung über ihre Handbewegungen verließen – selbst dann, wenn diese durch einen Spiegel stark verdreht war.

Originaltitel der Publikation:
Misattributions of agency in schizophrenia are based on imprecise predictions about the sensory consequences of one’s actions
Online erschienen in BRAIN am 07.12.09 (doi:10.1093/brain/awp291)

Autoren: Matthis Synofzik (1,2), Peter Thier (1), Dirk T. Leube (3) , Peter Schlotterbeck (4), Axel Lindner (1)

(1)Abteilung Kognitive Neurologie, Hertie-Institut für klinische Hirnforschung
(2)Abteilung Neurodegeneration, Hertie-Institute für klinische Hirnforschung
(3)Abteilung Psychiatrie, Universitätsklinikum Marburg
(4)Klinik für Psychiatrie, Universitätsklinikum Tübingen

Pressekontakte:
Dr. Matthis Synofzik
Hertie-Institut für klinische Hirnforschung (HIH)
Telefon: 07071/2982060
Mail: matthis.synofzik@uni-tuebingen.de

Dr. Axel Lindner
Hertie-Institut für klinische Hirnforschung (HIH)
Telefon: 07071/2980469
Mail: a.lindner@medizin.uni-tuebingen.de

Hertie-Institut für klinische Hirnforschung
Externe Pressestelle:
Kirstin Ahrens
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Gehirnforschung – Solln und Sühne

December 18th, 2009 by clauschristian

Kann man Schläger wie die von Solln für ihre brutale Tat überhaupt verantwortlich machen? Hirnforscher Gerhard Roth zweifelt daran – und fordert ein neues Strafrecht.
Von Markus Schulte von Drach

Jedes Mal, wenn ein furchtbares Verbrechen geschehen ist, stellt man sich die Frage nach dem Warum. Wieso haben die Schläger von Solln ihr Opfer Dominik Brunner angegriffen und so lange geschlagen und getreten, bis der Mann tot war? Warum haben sie sich nicht besonnen, sich bewusst gemacht, wie böse ihre Tat ist – und aufgehört?

Vor Gericht wird immer wieder eine weitere Frage gestellt, die den Opfern, den Angehörigen und überhaupt den meisten Menschen wie eine Provokation erscheinen muss: Konnten die Täter nicht anders? Gerade wenn es um Verbrechen geht, die starke Emotionen auslösen – dazu gehören zum Beispiel auch Sexualstraftaten an Kindern und Jugendlichen – fällt es schwer zu akzeptieren, dass diese Frage – die Frage nach der Schuldfähigkeit – vor Gericht diskutiert wird.

Auch den beiden brutalen U-Bahn-Schlägern von München, die 2007 einem Rentner lebensgefährliche Kopfverletzungen zugefügt hatten, wurde diese Frage gestellt – und wie in den allermeisten Fällen mit ja beantwortet. Die jungen Männer wurden zu langen Haftstrafen verurteilt – wegen ihrer “erbarmungslosen, an roher Gesinnung nicht zu übertreffenden Attacke”, wie der Richter erklärte.

Doch gerade solche Fälle “roher Gesinnung” belegen, wie problematisch der Umgang mit Straftätern im Wechselspiel zwischen Gesetz, Schuld, Strafe, Verantwortung und wissenschaftlicher Erkenntnis ist.

“Keine tiefgreifenden Störungen”
Deutschlands Strafgesetzbuch (§§ 20, 21) geht davon aus, dass manche Täter “wegen einer krankhaften seelischen Störung” oder einer “schweren anderen seelischen Abartigkeit” unfähig sind, “das Unrecht der Tat einzusehen oder nach dieser Einsicht zu handeln” – sie sind rechtlich gesehen ohne Schuld oder vermindert schuldfähig.

Das klingt in den Ohren mancher Bürger, als wolle man gerade besonders brutale Verbrechen entschuldigen oder den Täter gar in Schutz nehmen. Doch das ist ein Irrtum. Gilt ein solcher Täter als Gefahr für die Allgemeinheit, so kann er gemäß § 63 zum Maßregelvollzug in ein psychiatrisches Krankenhaus eingewiesen werden. Und dort bleibt er bis Gutachter zu der Überzeugung kommen, dass er harmlos ist.

Doch in den meisten Fällen wird von vorneherein keine verminderte Schuldfähigkeit oder gar Schuldunfähigkeit festgestellt. So wurden auch die beiden U-Bahn-Schläger für voll schuldfähig erklärt, weil laut psychologischen Gutachten “keine tiefgreifenden psychiatrischen Störungen” vorlagen.

Allerdings beobachteten die Experten Eigenschaften wie eine weitgehend verfestigte dissoziale Persönlichkeit, festgefahrene Neigungen zu delinquenten Handlungen, Entwicklungsstörungen, Alkohol- und Drogenprobleme, Ich-Bezogenheit, Impulsivität, Probleme, Regeln zu akzeptieren, Mangel an Interesse und Verständnis für andere Menschen, schwache soziale Intelligenz sowie ungehemmte, jähzornige Aggression insbesondere in Konfliktsituationen. Selbst die Anklage gab zu, die katastrophalen Umstände ihrer Jugend kämen strafmildernd in Betracht.

Es zeichnet sich ab, dass die Schläger von Solln durch entsprechende negative Charaktereigenschaften und soziale Schwächen gezeichnet sind, die mit einer ähnlich problematischen Sozialisation zusammenhängen. Seit Jahren sind Markus Sch. und Sebastian L. aufgefallen: durch Erpressung, Diebstahl, Körperverletzung und Drogenbesitz.

Ihr soziales Umfeld war in einem katastrophalen Zustand. Ihre Geschichte und ihre Tat sprechen deutlich dafür, dass sie zu den 7,5 Prozent der Kinder und Jugendlichen gehören, die unter behandlungsbedürftigen “Störungen des Sozialverhaltens” leiden. Und sie gehören offensichtlich zu den zwei Prozent, die sich längerfristig zu gewalttätigen Intensivtätern entwickeln.

Völlig überraschend kommt das aggressive Verhalten in der Regel nicht, meist zeichnen sich die psychischen Störungen bereits im Vor- und Grundschulalter durch Symptome wie hohe Impulsivität, Aggressivität und Auffsässigkeit ab, wie internationale Studien in den vergangenen 20 Jahren gezeigt haben. Die Experten gehen davon aus, dass dahinter ein unglückliches Zusammenspiel von genetischen Faktoren mit einem nachteiligen sozialen Umfeld steckt.

“Viele dieser Kinder wachsen in Familien auf, in denen Gewalt und Misshandlungen an der Tagesordnung sind und in denen die Eltern keine stabile emotionale Bindung zum Nachwuchs aufbauen können”, sagt der Kinder- und Jugendpsychiater Gerd Lehmkuhl von der Universität Köln. Mangelnde soziale Unterstützung, Stress, Alkoholismus der Eltern und eine inkonsequente, launische Erziehung, die die Gefühle des Kindes vernachlässigt, kommen oft hinzu.

Die Kleinen erleben Ablehnung und Frustration. Gewalt und Vernachlässigung wirken sich negativ auf die Entwicklung des Gehirns aus. Schließlich interpretieren die Kinder ihre Umwelt überwiegend als feindselig.

Keine moralische Bremse
Wie Studien zeigen, schätzen aggressive Jugendliche ihre Gegner in Konfliktsituationen aggressiver ein als es ein objektiver Beobachter tut. Entsprechend übertrieben reagieren die Intensivtäter auf den Widerstand von engagierten Menschen wie Dominik Brunner, der seine Zivilcourage mit dem Leben bezahlen musste.

“Diese Jugendlichen können gar nicht richtig einordnen, was ein anderer Mensch sagt”, erklärt Friedrich Lösel, Direktor des Institute of Criminology der Universität Cambridge. Lösel, der auch Professor an der Universität Erlangen-Nürnberg ist, will dieses Verhalten keinesfalls entschuldigen, aber “wir müssen versuchen zu verstehen, wieso diese Verbrechen passieren.”

» Menschen sind in der Lage, Wege zu entwickeln, um Charakterschwächen zu kompensieren. «

Psychiaterin Sabine Herpertz
Es ist kein großer Schritt von den behandlungsbedürftigen “Störungen des Sozialverhaltens” der Kinder zur sogenannten dissozialen Persönlichkeitsstörung, die bei vielen Schwerkriminellen und Sexualstraftätern festgestellt wird. Auch diese sind, so erklärt der forensische Psychiater Hans-Ludwig Kröber von der Charité in Berlin, “in einer dissozialen Lebenswelt aufgewachsen, in der die entsprechenden Wertmaßstäbe vermittelt werden”.

Den Betroffenen mangelt es an Empathiefähigkeit, sie zeigen kein Schuldbewusstsein und lernen nicht aus negativen Erfahrungen oder Strafen. Deshalb missachten sie häufig soziale Normen, Regeln und Verpflichtungen. Vergewaltiger und Mörder zum Beispiel haben den Beobachtungen des britischen Kriminalpsychologen David Canter von der University of Liverpool zufolge in ihrer Kindheit und Jugend keine moralische Bremse entwickelt, die sie daran hindert, ihre Lust- oder Rachegefühle mit Gewalt auszuleben.

Und was für Laien besonders irritierend ist: “Viele Psychopathen”, sagt der Hirnforscher Gerhard Roth von der Universität Bremen, “zeigen ein hohes Maß an Selbstkontrolle beim Lügen und Betrügen, können Mitgefühl heucheln, ihre wahren Motive verbergen und Straftaten vertuschen.”

Manchmal betrachten Psychiater und Richter die dissoziale Persönlichkeitsstörung als “andere seelische Abartigkeit” nach § 20 StGB, die eine Schuldunfähigkeit begründen kann. Doch seit einigen Jahren werden die Betroffenen immer häufiger für ihre Taten verantwortlich gemacht – dann, wenn sie nicht an einer eindeutig feststellbaren hirnorganischen Störung oder einer Geisteskrankheit leiden oder während der Tat nicht die Kontrolle verloren haben, wie es etwa unter Drogeneinfluss passieren kann.

Die Hand auf der Schulter
Ihre Steuerungsfähigkeit gilt als nicht beeinträchtigt. Was Steuerungsfähigkeit meint, macht der forensische Psychiater Norbert Nedopil von der Uni München an einem einfachen Beispiel deutlich: “Was tut jemand, der einen Mord begehen will, wenn ihm ein Polizist die Hand auf die Schulter legt? Der Schizophrene, der die Stimme Gottes hört, verfügt nicht über eine ausreichende Steuerungsfähigkeit und tötet vielleicht trotzdem. Der Dissoziale tut es aber so gut wie nie.”

Wenn ein solcher Mensch ein Verbrechen begeht, weil die Situation günstig ist, sei er schuldig, erklärt Henning Saß von der Psychiatrischen Uniklinik Aachen. Man müsse deshalb immer untersuchen, wie krankheitsnah die Symptome des Betroffenen sind, und wie weit er davon entfernt war, sich zurückhalten zu können.

» Wenn antisoziale Persönlichkeiten ebenso wie andere Menschen sozialen Einflüssen und Lernprozessen unterliegen, handeln sie in dieser Sicht als rationale und kompetente Bürger. «

Gerichtsgutachter Hans-Ludwig Kröber
Ähnlich sieht es Paul Hoff vom Psychiatrischen Uniklinikum Zürich: “Erst wenn zum dissozialen Verhalten weitere psychopathologische Momente wie verminderte Impulskontrolle, affektive Instabilität, labiles Selbstwertgefühl oder depressive Verstimmungen dazukommen, muss geprüft werden, ob in der Summe eine forensisch relevante Einschränkung der Steuerungsfähigkeit festzustellen ist.”

Das Gesetz versuche ja gerade jene Menschen vor Strafe zu schützen, deren Einsichts- und Steuerungsfähigkeit gestört sei, stimmt die Psychiaterin Sabine Herpertz von der Universität Heidelberg zu. “Menschen mit dissozialer Persönlichkeit haben jedoch meist die Wahl.”

Der Bundesgerichtshof geht sogar noch viel weiter. Er folgt der Einschätzung des früheren Leiters der Heidelberger Psychiatrischen Uniklinik, Werner Janzarik. Demnach kann sogar “die Verantwortung dafür, wie einer geworden ist, ihm nicht abgenommen werden, solange eigene Entscheidungen den Weg dahin wesentlich mitgestaltet haben”.

Gerichtsgutachter Kröber sieht das genauso: “Wenn antisoziale Persönlichkeiten ebenso wie andere Menschen sozialen Einflüssen und Lernprozessen unterliegen, handeln sie in dieser Sicht als rationale und kompetente Bürger”.

Dass ihre speziellen psychischen Stärken und Schwächen möglicherweise eine Neigung bedingen, rechtliche Grenzen zu überschreiten, ist in dieser Sicht nicht anders zu behandeln als die Tatsache, dass besondere Schwächen und Stärken eines Menschen ihn etwa für die Laufbahn eines Psychiaters oder Juristen prädestinieren. Die Betroffenen hätten demnach selbst eine Entscheidung gegen ein normkonformes Leben getroffen.

“Wir entwickeln eigene Präferenzen und Motive und fällen auf dieser Grundlage eigene Entscheidungen”, bestätigt Henning Saß. Der Gerichtsgutachter hält schon Kinder für fähig, diese Entwicklung mitzugestalten – selbst unter den schwierigen Bedingungen einer dissozialen Lebenswelt.

“Menschen sind in der Lage, Wege zu entwickeln, um Charakterschwächen zu kompensieren”, sagt auch die Psychiaterin Sabine Herpertz von der Universität Heidelberg. “Und Personen mit dissozialer Persönlichkeit sind ja meist schon als Kinder durch delinquentes Verhalten aufgefallen und haben negative Rückmeldungen erhalten. Sie haben die Verantwortung, darauf zu reagieren.”

Das mag von ihnen mehr Mühe erfordern als von anderen Menschen, aber wenn ihre Denkfähigkeit nicht gestört ist, ginge das. “Heranwachsende sind sehr wohl in der Lage, sich auch gegen eine gefährdende Peergroup zu entscheiden. Wir sind keine passiven Gefäße, die nur von außen gefüllt werden.”

Hätten sich Sebastian L. und Markus Sch. also gegen ihre kriminelle Karriere entscheiden und ein sozial angepassten Leben führen können? Oder wird hier von benachteiligten, missbrauchten, misshandelten, gestörten Kindern und Jugendlichen erwartet, sich wie Baron Münchhausen selbst am Schopf aus dem Sumpf herauszuziehen?

“Manchmal lassen sich genaue Ursachen für eine Krankheit feststellen und den Betroffenen werden in der Regel schuldmindernde Umstände zugesprochen”, sagt Erich Kasten, Neuropsychologe an der Universität Lübeck. “Bei manchen Menschen sind die Ursachen für ihre Störung aber nebulös-multikausal durch eine diffuse Addition genetischer Faktoren, Erziehungsproblemen oder minimalen frühkindlichen Hirnschäden bedingt. Dann wird eine dissoziale Persönlichkeitsstörung im Sinne einer rein psychischen Entgleisung diagnostiziert.” Im Gegensatz zu den erkennbar neurologisch bedingten Fällen streite man hier darüber, ob diese Menschen ihr Schicksal hätten beeinflussen können.

» Die Erkenntnisse der Hirnforschung reichen bei weitem aus, um Zweifel an der strafrechtlichen Schuld dieser Täter zu begründen. «

Hirnforscher Gerhard Roth
“Da aber jedes Verhalten vom Gehirn gesteuert werde, leiden sie letztlich ebenso unter einer pathologischen Veränderung ihres Zentralnervensystems wie Patienten mit nachweisbarem neurologischen Schaden. Bei dem einen Schuldunfähigkeit zu akzeptieren, weil eine manifeste Hirnschädigung nachweisbar ist, und bei dem anderen über Erziehungsfehler zu philosophieren, nur weil derzeitige Methoden noch nicht ausreichen, die Hirnveränderung aufzuzeigen, heißt, mit zweierlei Maß zu messen”, stellt Kasten fest.

Sein Fazit: “Menschen mit dissozialer Persönlichkeit können in der Regel ebenso wenig etwas dafür, dass sie so geworden sind wie Patienten mit einer unfallbedingten Hirnschädigung.”

Inzwischen gibt es etliche Studien, die belegen, dass Patienten mit antisozialer Persönlichkeitsstörung deutliche Hirndefekte aufweisen. “Das gilt sowohl für reaktiv-impulsive Gewalttäter als auch für Psychopathen mit proaktiv-instrumentellem Gewaltverhalten – also solchen, die die geltenden Normen kennen und trotzdem Straftaten planen und ausführen”, stellt Gerhard Roth von der Universität Bremen fest. “Ihre Defizite gehen einher mit erkennbaren Abweichungen in bestimmten Hirnarealen, z.B. dem unteren Stirnhirn.”

Den meisten Richtern genügen diese Erkenntnisse nicht, um am Sinn der Paragraphen 20 und 21 zu zweifeln. Für Roth dagegen verstößt das Vorgehen der Gerichte gegen den Grundsatz in dubio pro reo. “Die Erkenntnisse der Hirnforschung reichen bei weitem aus, um Zweifel an der strafrechtlichen Schuld dieser Täter zu begründen.”

Doch Roths Kritik richtet sich nicht nur gegen die Anwendung dieser Paragraphen – seine Forderungen gehen erheblich weiter. Seiner Meinung nach sollte das Strafrechtssystem grundsätzlich auf das traditionelle Schuldprinzip verzichten. Denn dieses mache nur Sinn, wenn Menschen über einen freien Willen im Sinne einer rein moralischen Entscheidungsfähigkeit verfügen.

Diese Freiheit aber wird von manchen Philosophen und Wissenschaftlern in Frage gestellt. So kann es, wenn keine äußeren Zwänge herrschen, theoretisch immer die Möglichkeit geben, aus mehreren Verhaltensalternativen zu wählen. Praktisch aber stehen Entscheidungen immer am Ende einer langen Kette von Ereignissen und aufeinanderfolgenden hirnphysiologischen Zuständen, die unseren subjektiven Motiven zugrunde liegen.

Man stelle sich den Augenblick vor, wo das Gehirn einer gestörten Persönlichkeit das Für und Wider eines Verbrechens abwägt. Alle verfügbaren Argumente werden durchdacht, dann senkt sich die Waagschale in Richtung Straftat. Sollte es einen freien Willen geben, auf dem das Konzept der Schuldfähigkeit beruht, müsste jetzt ein neuer Faktor auftreten können, der die Schale unabhängig von den Argumenten und Motiven wieder hebt. Auf die Frage, woher ein solcher Faktor kommen sollte, hat allerdings noch niemand eine Antwort gefunden.

» Ich kann mich nicht außerhalb meiner Persönlichkeit und meiner Geschichte stellen. «

Hirnforscher Gerhard Roth
“Aus psychologischer Sicht kann man uns eine Handlung nur dann als unser Handeln zuschreiben, wenn es von unseren Motiven bestimmt wird”, so Roth. In der Strafrechtstheorie werde aber das genaue Gegenteil als Grundlage für Willensfreiheit angesehen: die Fähigkeit, sich von der Bedingtheit durch Motive zu befreien.

Unterstellt wird seit Kants Vorstellung eines inneren Sittengesetzes, dass grundsätzlich alle Menschen motiviert sein müssten, moralisch-rechtstreu zu handeln oder Strafe zu vermeiden. Allerdings hatte Kant die Frage nach Sittlichkeit, Schuld und Gewissen in die Metaphysik verlagert.

Rechtsprechung ohne freien Willen?Die Gedanken sind Freiwild “Unser Rechtsgewissen ist aber das Produkt unserer Erziehung oder Lebenserfahrung und unterliegt wie alle Motive der Persönlichkeitsentwicklung”, sagt Roth. “Ich kann mich nicht außerhalb meiner Persönlichkeit und ihrer Geschichte stellen.”

Ähnlich sehen es auch Wissenschaftler wie der Frankfurter Hirnforscher Wolf Singer und der Leipziger Kognitionswissenschaftler Wolfgang Prinz, aber auch bekannte Philosophen wie der Amerikaner Daniel Dennett oder sogar Arthur Schopenhauer.

Es wäre demnach an der Zeit, sich von Begriffen wie Schuld und Sühne zu lösen und sich von der Vorstellung von Gut und Böse an sich zu verabschieden, wie es unter anderen der Philosoph Michael Schmidt-Salomon energisch fordert. Wie aber könnte ein solches Strafrechtssystem ohne Schuldprinzip aussehen?

Zusammen mit der Rechtswissenschaftlerin Grischa Merkel von der Universität Rostock hat Roth dazu kürzlich ein Modell entworfen. Zuerst einmal würde man demnach auf Vergeltung verzichten – laut Bundesverfassungsgericht eines der Ziele von Strafe. Es blieben die Ziele der Schadenskompensation, der Behebung der sozialen Störung, der Abschreckung und der Aufrechterhaltung der Norm.

Und auch ohne Berücksichtigung einer Schuld ließe sich der § 46 StGB anwenden, mit dem bereits jetzt die Höhe einer Strafe abgewogen wird. Umstände, die dabei berücksichtigt werden, sind unter anderem die Beweggründe und Ziele des Täters (Eigennutz oder zum Wohle anderer), das Maß der Pflichtwidrigkeit (Fahrlässigkeit oder Vorsatz) und seine Bemühungen, den Schaden wiedergutzumachen.

“Die Art und Intensität des Angriffs auf die Norm bestimmen mit, was zur Wiederherstellung der Normgeltung erforderlich ist”, erklärt Roth. “Ob ein Täter determiniert gehandelt hat oder nicht, ist dabei nicht relevant.”

» In Wahrheit verlangt eine Therapie vom Täter viel mehr als der Aufenthalt in einem Gefängnis. «

Hirnforscher Gerhard Roth
Eines aber sollte ganz anders sein im neuen Strafrechtssystem. “Jedem Täter müsste angeboten werden, eine Therapie zu machen, statt sich der klassischen Bestrafung, der Geld- oder Freiheitsstrafe, auszusetzen”, stellt Rechtswissenschaftlerin Grischa Merkel fest. Dabei dürfe man sich nicht der Illusionen hingeben, eine solche Behandlung sei einfach.

“In Wahrheit verlangt eine Therapie vom Täter viel mehr als der Aufenthalt in einem Gefängnis”, sagt Roth. “Die Persönlichkeitsänderung, die dabei stattfinden muss, kann ein sehr schmerzhafter Prozess sein, weil vom Täter verlangt wird zu begreifen, was er dem Opfer an Verletzungen zugefügt hat.”

Sind Täter jedoch, wie es Roth annimmt, determiniert, so ist diese Entscheidung natürlich nicht das Ergebnis einer freien Wahl. Allerdings würde dem Täter immerhin ein Handlungsspielraum eröffnet, den das gegenwärtige Rechtssystem nicht bietet.

Therapie nicht aufzwingen
Was aber, wenn ein Verbrecher die Tragweite und Bedeutung dessen gar nicht versteht, worüber er entscheidet? Hier könnte laut Roth und Merkel ein Paragraph greifen, der dem existierenden § 20 StGB entspräche, jedoch nicht die Frage nach Schuldfähigkeit stellen würde, sondern danach, ob ein Straftäter die Fähigkeit besitzt, Normen zu verstehen und sein Leben grundsätzlich danach auszurichten.

Ist dies nicht der Fall, könnte den Betroffenen die Wahlmöglichkeit nicht eingeräumt werden. Damit würde die Legitimation für die herkömmliche Strafsanktion entfallen. Diese Menschen, so Roth und Merkel, wären “in absolut unausweichlichen Fällen” zur Sicherung in einem psychiatrischen Krankenhaus unterzubringen – unter größtmöglicher Berücksichtigung ihrer eigenen Interessen. “Auch therapeutische Maßnahmen dürften ihnen nicht gegen ihren Willen aufgezwungen werden”, sagt Merkel.

Roth hat unter Juristen bereits eine große Bereitschaft festgestellt, über das neue Modell zu diskutieren. Psychaterin Sabine Herpertz allerdings bleibt dabei, dass Straftäter, die nicht krank sind, für ihr Handeln verantwortlich und deshalb schuldig sind.

Und für Gerichtsgutachter Hans-Ludwig Kröber war bereits die Einführung der verminderten Schuldfähigkeit, des Maßregelsystems und der Sicherungsverwahrung nur “der Versuch, Wiederholungstäter aus der Gesellschaft zu entfernen, in der optimistischen Überzeugung, man könne das System der Strafverfolgung durch ein soziales System der Straftatverhinderung ersetzen.”

Man betreibe “Geisterbeschwörung, wenn man glaube, das Allheilmittel sei Therapie”, so Kröber. “In Wahrheit lässt die trotz Therapie keiner mehr raus. Man möchte bloß die angestrebte lebenslange Sicherungsverwahrung kaschieren, indem man das Ganze in ein Krankenhaus verlegt.”

Roth und Merkel hoffen trotzdem auf bessere Behandlungsmethoden in der Zukunft, so dass sich ihr Modell realisieren lässt. Und ob es geeignete Therapiemöglichkeiten für Straftäter gibt oder nicht, sagt ja überhaupt nichts darüber aus, ob wir tatsächlich einen freien Willen besitzen. Ist dieser jedoch nur eine Illusion, dann ist Schuld nur ein Mythos.

Und um furchtbare Verbrechen wie das an Dominik Brunner in Zukunft zu verhindern, sind Präventionsprogramme für Kinder besser geeignet als Schuld und Sühne. Die Konzepte gibt es, sie müssten nur umgesetzt werden. Dafür aber fehlt in unserer Gesellschaft noch immer das Geld.

Mit den Themen Verbrechen, Schuld und Willensfreiheit hat sich Autor Markus C. Schulte von Drach auch in seinem Roman “Der fremde Wille” (Kiepenheuer & Witsch 2009) beschäftigt.

(sueddeutsche.de/gal)

 © Süddeutsche Zeitung 

http://www.sueddeutsche.de/wissen/797/491167/text/print.html

Autismus: Schwierigkeiten mit der Selbsterkenntnis

December 16th, 2009 by clauschristian

Unterschied beim Nachdenken über sich oder über andere fehlt

Cambridge – Wissenschaftler der University of Cambridge http://www.cam.ac.uk  haben nachgewiesen, dass Selbsterkenntnis für Autisten ein großes Problem ist. Sehr präzise Scans der Gehirne von Betroffenen zeigten, dass sie weniger aktiv sind, wenn sie mit selbstreflektierenden Gedanken beschäftigt sind. Diese Forschungsergebnisse liefern neurologische Erklärungen dafür, warum Menschen mit Autismus in sozialen Situationen Schwierigkeiten haben. Details der Untersuchung wurden in dem Fachmagazin Brain http://brain.oxfordjournals.org  veröffentlicht.

Autismus wurde lange als Krankheit angesehen, die mit extremem Egozentrismus in Zusammenhang steht. Jetzt ist nachgewiesen, dass Betroffene Schwierigkeiten damit haben, über sich nachzudenken und daraus Erkenntnisse abzuleiten, berichtet die BBC. Das Forscherteam um Michael Lombardo nutzte funktionelle Magnet-Resonanz-Tomographie-Scans, um die Gehirnaktivität bei 66 Freiwilligen zu messen. Bei der Hälfte der Teilnehmer war eine Störung des autistischen Formenkreises festgestellt worden.

Unterschiede in der Gehirnaktivität

Die Teilnehmer wurden ersucht, entweder ihre eigenen Gedanken, Meinungen, Vorlieben oder körperliche Charakteristiken zu beurteilen oder die eines anderen Menschen. Als Beispiel für einen anderen Menschen wurde die Queen herangezogen. Die Gehirne wurden bei der Beantwortung dieser Fragen gescannt. So wurden Unterschiede in der Gehirnaktivität bei Autisten und Nicht-Autisten sichtbar. Die Wissenschaftler interessierten sich vor allem für einen Bereich des Gehirns: das mittlere untere Stirnhirn (VMPFC). Es ist dann aktiv, wenn Menschen über sich selbst nachdenken.

Es zeigte sich, dass dieser Bereich des Gehirns bei typischen Freiwilligen aktiver war, wenn ihnen Fragen über sie selbst und nicht über die Queen gestellt wurden. Bei autistischen Menschen kam es zu einer gleichmäßigen Reaktion. Es machte keinen Unterschied, ob sie über sich oder die Queen nachdachten. Für Lombardo ist damit nachgewiesen, dass das autistische Gehirn Schwierigkeiten damit hat, Informationen über das Selbst zu verarbeiten. Soziale Interaktionen mit anderen Menschen erforderten, das Verhältnis zwischen einem selbst und dem anderen im Auge zu behalten, so der Forscher. “In manchen sozialen Situationen ist es wichtig festzustellen ‘Wir sind uns ähnlich’, in denen kann es wichtig sein zu erkennen ‘Ich bin anders als du’.”

Aussender: pressetext.austria
Redakteur: Michaela Monschein
email: monschein@pressetext.com

http://www.pressetext.de/news/091214011/autismus-schwierigkeiten-mit-der-selbsterkenntnis/

Gute Laune ist auch eine Frage des Alters

December 16th, 2009 by clauschristian

Heranwachsende haben nicht nur häufiger Stimmungstiefs im Vergleich zu Erwachsenen, sie versuchen auch öfter, negative Gefühle zu erhalten oder zu verstärken. Mit zunehmendem Alter scheint sich dieses Muster umzukehren. Insbesondere Menschen über 60 Jahren fühlen sich im Alltag emotional nicht nur häufig wohler als Jüngere, sondern neigen auch häufiger dazu, ihre positiven Gefühle aufrecht zu erhalten und negative Gefühle, wie zum Beispiel Ärger, dämpfen zu wollen. Diese als kontra- bzw. pro-hedonisch bezeichneten Verhaltensmuster beobachteten Wissenschaftler des Berliner Max-Planck-Instituts für Bildungsforschung und des Sozioökonomischen Panels (Psychological Science, Vol. 20, No. 12: 1529-1535, 2009).

Fragt man verschiedene Altersgruppen danach, wie sie sich im Alltag fühlen, zeichnet sich das höhere Alter überwiegend durch emotionales Wohlbefinden aus. Das sprichwörtliche Wechselbad der Gefühle sowie negative Befindlichkeit sind dagegen häufige Begleiter der Jugend. Bislang ungeklärt sind die psychologischen Mechanismen, die diesen Altersunterschieden zugrunde liegen. „Wir vermuteten, dass wir die altersabhängigen Unterschiede im emotionalen Wohlbefinden besser verstehen können, wenn wir wissen, ob Jung und Alt sich möglicherweise auch anders fühlen wollen“, erklärt Michaela Riediger, Psychologin und Leiterin der Studie. Um dies zu untersuchen, wurden 378 Studienteilnehmer im Alter von 14 bis 86 Jahren drei Wochen lang mit speziellen Mobiltelefonen ausgestattet, die sie bei sich trugen, während sie ihrem normalen Alltag nachgingen. In dieser Zeit wurden sie 54mal kontaktiert, um Fragen zu ihrer momentanen Stimmung zu beantworten. In durchschnittlich einem Viertel der abgefragten Situationen gaben die 14 bis 18 Jährigen an, ihre momentanen negativen Gefühle erhalten oder verstärken beziehungsweise positive Gefühle dämpfen zu wollen. Von den über 60 Jährigen wurden diese sogenannten kontra-hedonischen Bestrebungen dagegen in nur durchschnittlich jeder zehnten abgefragten Situation berichtet. „Diese Ergebnisse legen die Vermutung nahe, dass ein Teil der altersabhängigen Unterschiede im emotionalen Wohlbefinden auf Unterschiede darin, wie Personen verschiedener Altersgruppen sich fühlen wollen, zurückführbar sind“, erläutert Michaela Riediger. In der für Jugendliche vergleichsweise häufigen kontra-hedonischen Orientierung vermuten die Autoren einen Mechanismus, der Jugendlichen dabei hilft, sich von Eltern oder anderen Erwachsenen abzugrenzen und emotional unabhängig zu werden. Der hohe Anteil pro-hedonischen Verhaltens bei Älteren stimmt dagegen mit Beobachtungen anderer Studien überein. Demnach messen ältere Erwachsene aufgrund der wahrgenommenen Begrenztheit der verbleibenden Lebenszeit der Verbesserung ihres emotionalen Wohlbefindens im Hier und Jetzt zunehmend Bedeutung bei.

Die in dieser Studie gewonnenen Daten alltäglicher Gefühlsregulationsprozesse sind in Kooperation mit dem Sozio-oekonomischen Panel (SOEP) erhoben worden, das seit 25 Jahren Einkommen, Erwerbstätigkeit, Bildung und Gesundheit von 20.000 Personen in 10.000 Haushalten in Deutschland erfasst. Die Einbindung psychologischer Parameter in das SOEP ermöglicht es, Ursachen individueller Unterschiede in Lebensverläufen zu erforschen.

Quelle:
Michaela Riediger, Florian Schmiedek, Gert G. Wagner, Ulman Lindenberger. Seeking Pleasure and Seeking Pain. Differences in Prohedonic and Contra-Hedonic Motivation From Adolescence to Old Age. Psychological Science, Vol. 20, No. 12: 1529-1535 (2009).

© 2009 Max-Planck-Institut für Bildungsforschung

http://www.mpib-berlin.mpg.de/de/presse/2009/gutelaune.html