Archive for September, 2009

Das Gedächtnis der Honigbiene

Wednesday, September 30th, 2009

Berliner Neurobiologe nimmt das Bienenhirn unter die Lupe
Von Suzanne Krause

Zu kognitiven Leistungen, zum Lernen von Abstraktem, zum symbolhaften Kommunizieren, zur Entwicklung eines Langzeitgedächtnisses fähig seien nur große Gehirne wie die der Säugetiere, der Primaten und natürlich des Menschen, meinten die Wissenschaftler bis vor wenigen Jahren. Eine Theorie, die Studien an der Honigbiene widerlegen könnten. Bei seiner Grundlagenforschung an Bienen deckte der Berliner Neurobiologe Randolf Menzel beispielsweise Grundzüge der Gedächtnisbildung auf.

Die Honigbiene gilt heute keineswegs mehr als eine Art instinktgetriebener Reflexmaschine. Sie trifft Entscheidungen, baut Erwartungen auf und lernt Regeln, die sie in unterschiedlichen Situationen anwendet. Dabei ist ihr Gehirn gerade mal so groß wie eine Stecknadel und verfügt über knapp eine Million Neurone; das menschliche Gehirn hat über 100 Milliarden. Allerdings besitzt das Bienengehirn eine Besonderheit: gewisse Neurone, die sich als “Individuum” ausmachen lassen. Undenkbar beim menschlichen Gehirn, wo es einfach zu viele Neurone von derselben Art, derselben Klasse gibt, erläutert Randolf Menzel von der FU Berlin:

“Zum Beispiel haben wir ein Neuron gefunden, das ist hinreichend in seiner Aktivität für die Belohnung beim Lernen. Wenn dieses Neuron aktiv ist, kurz nachdem das Tier vorher einen Duft wahrgenommen hat, dann wird der Duft gelernt. Das Neuron tut das. Und natürlich muss man vorsichtig sein, es gibt auch andere Neurone, die das auch noch mit tun, aber ein einzelnes Neuron, dessen Verschaltung wir genau kennen und dessen Gestalt wir genau kennen und dessen Individualität wir genau kennen, das reicht aus für das gesamte Verhalten von dem ganzen Tier.”

Menzel meint, es gäbe bei der Hausbiene weitere “individuelle” Neurone, die je für ein ganz bestimmtes Verhalten zuständig seien. Für ihn verbirgt sich ein Prinzip dahinter:

“Und dieses Prinzip wollen wir eben zusätzlich immer mehr aufklären, indem wir immer mehr dem Gehirn sozusagen reinschauen.”

Die Untersuchungsmethoden sind, trotz der Winzigkeit des Studienobjekts, eher klassisch. Da messen Elektroden die Hirnströme, da werden bildgebende Verfahren eingesetzt, die Hirne unters Mikroskop gelegt. Oder auch anatomische Studien durchgeführt, um die Verschaltungen zwischen den Neuronen dreidimensional darzustellen.

“Und diese Gestalten, die man da im Gehirn findet, denen wollen wir Funktionen zuordnen und dazu macht man das. Man schaut sich an, welches Verhalten auftritt, welches man zurückführen kann auf bestimmte solche neuronalen Funktionen. Und das ist sicherlich erst ein Anfang, den wir da gemacht haben.”

Das Team um Menzel hat Bienen ins Hirn geschaut, als diese lernten, einen Duft zu erkennen. Und hat – eine Weltpremiere – mit bildgebenden Verfahren die Gedächtnisspuren dieses Vorgangs räumlich und zeitlich dargestellt. In Ausschnitten, räumt der Neurobiologe ein, denn es ist bislang nicht möglich, die gesamten neuronalen Aktivitäten gleichzeitig zu erfassen. Dennoch bietet dies die Grundlage, ein Konzept, ein Modell zu erstellen. Das eventuell auch dabei hilft, der Gedächtnisbildung beim Menschen auf die Spur zu kommen:

“Wir haben zum Beispiel die Kombinatorik in der Gedächtnisspur, die Vielfältigkeit, die Zahl der multiplen Repräsentationen für solche Gedächtnisspuren, das haben wir beim Bienengehirn in einer gewissen Weise – vorläufig und vorsichtig müssen wir uns da ausdrücken -, aber doch in gewisser Weise schon ganz schön zeigen können, und das wird sehr spannend, wie man das auf andere Gehirne übertragen kann.”

© 2009 Deutschlandradio

http://www.dradio.de/dlf/sendungen/forschak/1043160/

Kinder nutzen Sinne nach dem “Entweder/Oder-Prinzip”

Wednesday, September 30th, 2009

Kleine Kinder können Sinneseindrücke nicht verflechten

Florenz/London  – Um sich in der Welt zurechtzufinden verbinden erwachsene Menschen ganz einfach und unbewusst die Eindrücke, die Sehen, Hören, Schmecken, Riechen und Fühlen ihnen vermitteln. Kinder unter acht Jahren können dies offenbar nicht. Das legen zwei Studien nahe, die darauf hinweisen, dass kleinere Kinder offenbar jeweils nur einen Sinn nutzen, um ihre Umwelt einzuschätzen. Die Untersuchungen, die in der Zeitschrift Current Biology http://www.current-biology.com veröffentlicht wurden, deuten an, dass das Wahrnehmungssystem sich entwickelnder Kinder offenbar konstanter Neujustierung bedarf, indem ein Sinn dazu genutzt wird, einen anderen genauer abzustimmen.

“Kinder müssen sich die ganze Zeit neu einstellen, wenn sie größer werden, denn ihre Augen wandern weiter auseinander und ihre Glieder werden immer länger”, sagt Studienleiter David Burr von der Universität Florenz http://www.unifi.it. “Unter diesen Umständen nutzen sie vielleicht den einen Sinn, um den anderen abzustimmen.” Auch Marko Nardini vom Birbeck College der University of London http://www.bbk.ac.uk, Autor der zweiten Studie, sieht das ähnlich: “Wir wussten schon lange, dass beim Übergang von der Kindheit zum Erwachsensein die individuellen Sinne sich in ihrer Genauigkeit verbessern. Aber jetzt scheint es so, dass das Lernen, wie man die Sinneseindrücke miteinander verflechtet, genauso wichtig ist wie sie zu verbessern.”

In Burrs Untersuchung wurden Kinder und Erwachsene beauftragt zu beurteilen, welcher von zwei Spielblöcken der größere ist. Dabei war es den Testpersonen erlaubt, entweder die Blöcke anzufassen, sie anzuschauen oder beides zu tun. Die Ergebnisse zeigten Burr, dass die Fähigkeit sensorische Informationen zu kombinieren bei Kindern unter acht Jahren noch nicht entwickelt war. Die Erwachsenen und Kinder über acht Jahren schnitten bei der Aufgabe besser ab, wenn sie die Blöcke sehen und anfassen konnten. Durften sie einen der beiden Sinne nicht benutzen, fiel die Leistung schlechter aus. Bei den kleineren Kindern hingegen, ließen sich diese Unterschiede nicht beobachten. Die Ergebnisse waren nahezu identisch, wenn sie nur mittels Tastsinn, nur durch visuelle Wahrnehmung oder mit beiden zusammen entscheiden sollten.

Nardinis Gruppe machte ähnliche Erfahrungen bei ihrem Test, der dazu dienen sollte, die Orientierungsfähigkeiten von Kindern und Erwachsenen zu untersuchen. Diese beruhe nämlich sowohl auf der Einbeziehung von Orientierungspunkten, als auch darauf die eigene Bewegung im Auge zu behalten. Die Testpersonen sollten ein Objekt zu dessen ursprünglichem Platz in einem verdunkelten Raum zurückbringen, der durch drei verschieden geformte Lichtquellen erhellt wurde. Ein Versuchsdurchgang fand mit eingeschalteten Lichtern statt, der zweite wurde im unbeleuchteten Raum durchgeführt und bei einem dritten wurden die Personen zuvor einige Male im Kreis gedreht, sodass sie sich nur auf die Orientierungspunkte als Stützen verlassen konnten. Währen die Erwachsenen im ersten Test besser abgeschnitten hatten als die Kinder unter acht Jahren, verließ sie die Orientierung bei den anderen Durchläufen. Die kleinen Kinder aber zeigten bei allen Durchgängen keine Minderung der Orientierungsfähigkeit. Sich nur an den Landmarken oder nur am eigenen Standpunkt orientieren zu können, hatte das gleiche Resultat wie beides zu nutzen.

Diese Erkenntnisse könnten möglicherweise einige übliche Kindheitssituationen erklären, meint Nardini: “Es ist ja bekannt, dass Kinder leichter desorientiert sind und verloren gehen. Aber diese Studie legt nahe, dass der Grund darin liegt, dass Kinder unterschiedliche räumliche Informationen schlicht nicht zusammenfügen können.” (Ende)

Aussender: pressetext.austria
Redakteur: Claudia Misch
email: misch@pressetext.com

http://pressetext.de/news/080502020/kinder-nutzen-sinne-nach-dem-entwederoder-prinzip/

Musizieren ist ein Meisterstück des Gehirns

Monday, September 28th, 2009

Instrumentenüben führt zu höchstmöglicher Präzision

Dresden/Hannover  – Ein Musikinstrument zu spielen fordert das Gehirn bis an die Grenzen seiner Möglichkeiten. Welche Prozesse beim Üben und Spielen ablaufen, untersuchen Hans-Christian Jabusch vom Institut für Musikermedizin der Hochschule für Musik Dresden http://www.hfmdd.de/index.php?id=16 und Eckart Altenmüller vom Institut für Musikphsyiologie und Musiker-Medizin der Hochschule für Musik und Theater Hannover http://www.immm.hmt-hannover.de. Die Erkenntnisse helfen einerseits dabei, Musiker-Leiden gezielter zu behandeln, andererseits liefern sie wertvolle Hinweise für die tägliche Übepraxis für Instrumentalisten.

Musizieren auf professionellem Niveau erfordert Fingerbewegungen mit höchster feinmotorischer Präzision. “Geübte Geiger etwa bewegen die Finger der linken Hand, mit denen die Tonhöhe bestimmt wird, mit einer Präzision innerhalb von Millimeter-Bruchteilen. Gitarristen feilen und formen ihre Fingernägel präzise, um auch dadurch die Art des Anzupfens und die Lautstärke zu optimieren”, erklärt Jabusch im pressetext-Interview. Schon das Spielen der C-Dur-Tonleiter am Klavier erfordere ein komplexes sensorisches Programm, das aufgrund der Wechselbewegungen zwischen zwei benachbarten Fingern einen riesigen evolutionären Schritt darstelle. “Ursprünglich bewegten sich beim Beugen des Zeigefingers auch alle anderen Finger mit. Um dies zu verhindern, gibt das Gehirn nicht nur Impulse in Richtung des aktivierten Fingers, sondern gleichzeitig auch an die restlichen Finger, um ihre Bewegung zu hemmen.” Erst dieses Zusammenspiel von Aktivierung und Hemmung ermögliche das Instrumentenspiel. “Feinmotorik ist die Verhinderung der Grobmotorik”, fasst der Dresdner Musikphysiologe und Musikermediziner zusammen.

Unsere Feinmotorik wird in vielen Bereichen des Lebens gefordert und geübt. Die Anforderungen am Musikinstrument unterscheiden sich jedoch von anderen Tätigkeiten. “Die Bewegungen dabei fordern nicht nur höchste Präzision in Zeit und Raum, sondern integrieren auch das Hören, Sehen, das Körpergefühl sowie die Emotionen”, erklärt Jabusch. Anders als etwa bei Sportarten wie Dart und Biathlon sei die Anforderung der Präzision nicht kurz und punktuell, sondern habe etwa in großen Orchesterwerken in jeder Sekunde und über einen langen Zeitraum zu erfolgen. Verbunden ist diese Präzision mit stark ausgeprägten Belohnungen und Bestrafungen, betont der Musikermediziner. “Ein misslungenes Konzert im prominenten Rahmen kann für eine Musikerkarriere verheerend sein. Andererseits hat eine gelungene Aufführung extrem positive Folgen, sowohl für die Emotionen des Musikers im Moment seines Spiels, als auch – längerfristig – auf gesellschaftlicher Ebene.”

Anders als bei den meisten Berufen beginnt die Ausbildung zum Musiker in der Regel schon in der Kindheit. Aus musikermedizinischer Sicht sieht Jabusch dies als vorteilhaft. “Die Hörbiografie von Kindern ist weitaus kürzer als die von Erwachsenen. Aus diesem Grund stellen sie geringere Ansprüche an eigene Fertigkeiten, freuen sich schon über kleine Fortschritte und leiden daher im Gegensatz zu erwachsenen Anfängern viel seltener an Überlastungsverletzungen. Erwachsene sind oft ungeduldig und wollen in zu kurzer Zeit zu viel erreichen”, so die Erfahrung des Musikermediziners. Ein Vorteil sei ein früher Start mit dem Musizieren auch, da übungsbedingte Veränderungen im Gehirn besonders deutlich bei Musikern ausgeprägt seien, die vor dem Alter von sieben Jahren mit dem Instrumentalspiel begonnen haben. Wer in seinem Leben viel geübt hat, kann neue Stücke üblicherweise in weitaus kürzerer Zeit einstudieren als Anfänger. “Profis verfügen bereits über eine Bibliothek von im Gehirn abgespeicherten Bewegungsabläufen, auf die sie im Bedarfsfall zurückgreifen können. Anfänger müssen jede Bewegung neu einstudieren.”

Als Hauptregel für das Üben empfiehlt Jabusch, genügend Pausen einzulegen. “Musikstudenten üben oft viel zu lange am Stück, wodurch eine Überbelastung erfolgt und Bewegungsabläufe auch wieder schlechter werden können. Zwei Übungseinheiten zu 45 Minuten sind besser als 90 Minuten ohne Pause.” Zweitens solle man darauf achten, die Freude am Instrument zu bewahren. “Der enorme Wettbewerb, in dem sich Musiker befinden, erfordert von ihnen ein Höchstmaß an Disziplin, die wiederum oft die Freude als Grund für das Üben verdrängt. Man übt dann häufig mehr, um das schlechte Gewissen zu beruhigen.” Die Bewahrung der Freude sei bei jungen Instrumentalschülern eine Herausforderung der Musiklehrer, jedoch auch der Eltern. Eltern rät Jabusch, den Kindern ein reiches musikalisches Umfeld zu bieten, Freude an Kunst allgemein zu fördern und selbst ein gutes Vorbild zu sein, wofür das gemeinsame Musizieren einen besonders hohen Wert darstelle.

Gestützt werden diese Empfehlungen durch eine Studie, die Jabusch und Altenmüller mit ihrem Team an Klavier spielenden Kindern und anhand einer Standardbewegung – dem Tonleiterspiel – durchführten. Dabei untersuchten sie, wie der Übe-Erfolg der Kinder von ihrem Umgang mit dem Instrument und von verschiedenen Vorlieben abhing. Auf diese Weise ließen sich 68 Prozent der feinmotorischen Fertigkeiten am Klavier vorhersagen: “Technische Übungen am Instrument und die Dauer der Ausbildung waren als Schlüsselfaktoren ja zu erwarten. Doch wichtig ist auch, wie gerne man übt, wie interessiert die Eltern das Üben begleiten und wie viel Freude die Kinder an Musik und musischer Beschäftigung haben.”

Aussender: pressetext.deutschland
Redakteur: Johannes Pernsteiner
email: pernsteiner@pressetext.com

http://pressetext.de/news/090801003/musizieren-ist-ein-meisterstueck-des-gehirns/

Geistige Anstrengung verhindert Sport

Monday, September 28th, 2009

Kinesiologin: “Willenskraft ist trainierbar wie ein Muskel”

Hamilton - Zu wie viel Sport man sich abends noch aufraffen kann, hängt in hohem Maß davon ab, wie stark der Arbeitstag Emotionen und Geist forderte. Das behaupten kanadische Wissenschaftler in der Zeitschrift “Psychology and Health”. Ihnen zufolge besitzt der Mensch bloß ein bestimmtes tägliches Ausmaß von Willensstärke. Werden diese Reserven schon während des Tages verbraucht, schafft man es abends viel schlechter, den Verlockungen der gemütlichen Couch zu widerstehen. “Unsere Willenskraft ist begrenzt und schrumpft mit Stress. Geistige Herausforderungen und auch emotionelle Aufgaben wie etwa Gefühlskontrolle können die selbstregulierende Fähigkeit, Sport zu betreiben, aufbrauchen”, so die Studienautorin Kathleen Martin Ginis von der McMaster University http://www.mcmaster.ca.

Um die These zu überprüfen, entwarfen die Forscher einen Test, der besonders viel Selbstkontrolle erfordert. Freiwillige Versuchspersonen bekamen am Monitor Wörter zu sehen, die bestimmte Farben bezeichneten, gleichzeitig jedoch aus Buchstaben in einer anderen Farbe bestanden. Das Wort “Rot” erschien etwa in blauer Farbe. Die Probanden sollten nun die Druckfarbe der Wörter nennen, ohne auf den Wortinhalt Rücksicht zu nehmen. Nach der Aufgabe standen Trainingseinheiten am Programm. “Je konzentrierter die Teilnehmer beim Test mitmachten, desto weniger waren sie am Abend dieses Tages zum Sport motivierbar”, berichtet Martin Ginis. Die geistige Herausforderung habe die Selbstkontrolle vermindert. Die Mitglieder einer Kontrollgruppe, denen man keine derartigen Aufgaben gestellt hatte, bewegten sich abends viel mehr.

Die Ergebnisse sollten jedoch niemanden von der regelmäßigen Bewegung abhalten, geben die Forscher zu bedenken. Denn die Selbstkontrolle sei trainierbar. “Willenskraft ist wie ein Muskel. Sie muss trainiert werden, um sich aufzubauen”, so die Forscherin. Wer sich ständig die Herausforderung stelle, einem Stück Schokoladekuchen zu widerstehen oder abends eine zusätzliche halbe Stunde zu studieren, könne dadurch seine Selbstkontrolle erhöhen. Für den Sport empfiehlt Martin Ginis spezielle Strategien zur Überwindung der Faulheit. “Hilfreich sind etwa Musikhören vor dem Training, fixe Pläne wie das tägliche Spazierengehen oder auch Vereinbarungen mit Freunden, gemeinsam Sport zu betreiben.”

Aussender: pressetext.austria
Redakteur: Johannes Pernsteiner
email: pernsteiner@pressetext.com

http://pressetext.de/news/090928028/geistige-anstrengung-verhindert-sport/

Aufstieg der Nerds – Die Revolution der Piraten

Sunday, September 27th, 2009

Von Frank Schirrmacher

Der Nerd erwacht zum politischen Tier
21. September 2009 Die Journalistin Dagmar von Taube bringt demnächst einen offenbar sehr interessanten Fotoband über die Berliner Gesellschaft heraus. Bei dem wenigen, das man gesehen hat, handelt es sich um ein Panorama von Schönheit und Coolness und Macht, von Clubs und Bars, von Partys und Gastwirten – ganz Berlin, so scheint es, ist ein einziger Grill, auf dem Königskinder von heute in glühender Liebe zu Kunst und Smalltalk vor sich hin brutzeln. Aber ehe daraus eine neue Ära wird, hier der Hinweis: Etwas fehlt.

Es fehlt nicht nur hier, es fehlt überall, wo solche balzacschen Gemälde entworfen werden. Es fehlt, wie ich feststelle, auch in allen meinen Artikeln und in fast allen Artikeln meiner Kollegen der letzten Jahre. Es fehlt nicht nur in Berlin, sondern in München, Frankfurt und Münster. Wir haben es entweder alle übersehen oder nicht ernst genommen, auch deshalb, weil Coolheitsgesichtspunkte einer Pop-Ökonomie dagegen sprachen. Fragen Sie jeden Feuilletonredakteur: Was ist cooler? Ein wabernder, wilder Text des Kult-Denkers und Model-Ehemannes Slavoj Zizek, der uns züchtigt und uns unsere eigene Spießigkeit schmerzlich bewusst macht; oder sind es die Satzbefehle, die irgendein pizzaverschlingender Zwanzigjähriger in seinem mit „Star Wars“-Memorabilien vollgestopften Kinderzimmer jetzt gerade in seinen Computer tippt? Könnte man sich vorstellen, dass sie in einem von Dagmar von Taubes Get-togethers, während Nadja Auermann und Norbert Bisky noch feiern und flirten, über das Problem von Botnets oder die besten Verfahren der „würdevollen Herabstufung“ reden, der Art und Weise, wie man Websites auf Handys darstellt?  Kurz: was fehlt, sind die Nerds.

Typologie des Nerds

Und jetzt, da sich aus ihrem innersten Kern eine neue und wahrscheinlich bald auch immer un-nerdigere, weil moderne politische Bewegung formiert, kann man nicht anders, als voller Respekt und ohne Ironie ihren Siegeszug zu rühmen. Sie haben die Gesellschaft längst geentert, noch ehe Teile von ihnen sich als „Piraten“ zusammentaten. Ob die „Piraten“ Nerds sind oder nicht, ist eine der am heißesten diskutierten Fragen der politischen Blogs im Internet. Mit gutem Grund: der klassische Nerd trägt Kopfhörer, während er sich tief über seine Computertastatur beugt und gedankenlos mit der linken Hand nach einem kalten Stück Pizza greift. In „Jurassic Park“ war der Typus, gespielt von Wayne Knight, zu besichtigen.

Nerds sind meist männliche junge Leute, die schon im Alter von vier Jahren damit beginnen, Spielzeugautos, Radios und Computer zu zerlegen und ganz anders wieder zusammenzubauen. Es gibt auch weibliche Nerds. Marissa Mayer von Google, die sich selbst einen Nerd nennt, ist die prominenteste Frau. Nerds verehren Daniel Düsentrieb, Jules Verne und später Neal Stephenson. Meist fallen sie schon frühzeitig durch einen unbändigen Basteltrieb auf. Früher konnte man sie in der Schule leicht erkennen: Sie hatten Diplomatenkoffer mit Nummernschloss, dessen Code sie täglich änderten, trugen Pferdeschwanz und schwarze T-Shirts mit „Ultima Online“-Logo. Der Typus ist seltener geworden, aber, wie ein Blick in das Publikum des letzten ZDF-Wahlforums zeigte, nicht ganz ausgestorben. Ausgehend vom neuen Google-Stil sind Nerds heute von der Pizza-und-Cola-Phase in das „Healthy food“-Biotop gewechselt und deshalb, anders als die großen Nerd-Pioniere wie Jaron Lanier und Nathan Myrvold, nicht mehr ohne weiteres zu erkennen.

Ein Foto des jungen Bill Gates. Aufgenommen 1978. Es ist das letzte Jahr der Ruhe. Noch ein Jahr, dann wird, wie Gates später erklären wird, der „digitale Tsunami“ losbrechen. Dann wird klar werden, dass ein Massenmarkt für Computertechnologie entsteht. Das Foto zeigt einen etwas bleichen, jungen Mann mit ziemlich dicken Brillengläsern. Zwei Jahre zuvor hatte er bei einer Tupperware-Party seiner Mutter sein erstes Computerprogramm vorgeführt und war unter Flüchen und Wutanfällen gescheitert. „Er geht wohl nicht in Discos“, soll eine Freundin seiner Mutter bemerkt haben.

Die Programmierung der Welt

Porträts des Tycoons als junger Mann: Es gibt noch viele davon, von Bill Joy, dem Gründer der Computerfirma „Sun“, von Danny Hillis, der den ersten Parallelrechner erdachte, von Charles Simonyi, der die wichtigsten Anwendungsprogramme erfand. Und dann sind da die zwei jungen Männer. Sie haben zwar keine dicken Brillen, aber während ihre Kommilitonen in Clubs abhängen, sitzen sie zu Hause und spielen mit Lego. Sie bauen einen bunten Turm aus Legosteinen, einen Quader, wie man ihn aus jedem Kinderzimmer kennt, nur dass hier im Inneren eine Zentraleinheit, eine Festplatte und ein Algorithmus versteckt sind. Vier Jahre später wird dieser Legoturm das Herz der wertvollsten Firma der Welt geworden sein, die in allen ihren Niederlassungen Legosteine verstreut und in ihrem Markenzeichen „Google“ bis heute den Farben Legos huldigt.

Diplomatenkoffer, Pferdeschwanz, Griff zur kalten Pizza: Der Nerd war einmal ein leicht identifizierbares Wesen
Die Nerds, die die Sprites auf ihrem C-64-Homecomputer programmierten, während ihre Mitschüler in Clubs oder auf Demos waren, haben buchstäblich die Welt programmiert, in der wir uns heute bewegen. Wenn wir der modernen Welt ein Gesicht geben wollen, reden wir von Wall-Street-Haien und Managern, aber wir sollten anfangen, über Nerds zu reden. Dieser Text ist in Word geschrieben. Word stammt von Charles Simonyi. Bereits als Vierjähriger im kommunistischen Ungarn spielte er in der damals noch begehbaren Zentraleinheit des Computers, den sein Vater bediente.

Mit zehn bestach er das Aufsichtspersonal, um an dem Computer, der mit riesigen Hebeln statt einer Tastatur ausgestattet war, zu programmieren. Mit achtzehn verließ er Ungarn. In Amerika schlug er sich als Privatlehrer durch und saß nächtelang vor einem uralten IBM-Rechner. Mit einunddreißig lehrte er Bill Gates kennen. Für ihn erfand er „Word“ und „Excel“, zwei Programme, die in den Tiefen des Codes kleine Gedenktafeln eingebaut haben, die sagen, dass sie „vom Ungarn“ („the Hungarian“) stammen. Und dann, mit über fünfzig, lässt sich der Jules-Verne- und „Star Wars“-Fan von den Russen auf eigene Kosten ins Weltall schießen. Das ist sozusagen der Nerd in Reinkultur.

Drehbuch unseres Denkens

Word-Erfinder und Weltraumtourist Charles Simonyi
Der Nerd ist ein Wunder der Technik. Aber jetzt wird er zu einem Wunder unserer Gesellschaft. Man würde ihn in unserer coolen Glamourwelt auf jeder Party übersehen, er würde kaum reden und keinen Wirbel machen. Ein großer Fehler, wie wir womöglich bereits nach der Bundestagswahl bemerken werden.

Nerds sind Menschen, die wissen wollen, wie Dinge funktionieren. Sie benutzen Schraubenzieher und sehr große Lupen. Sie zerlegen Radios und Computer und bauen sie dann wieder zusammen. Allerdings kann der Computer dann Kaffee kochen, und das Radio sucht nach Signalen außerirdischen Lebens. Das erste Nerd-Programm im Internet war eine Webcam, die auf eine Kaffeemaschine in Oxford gerichtet war.

Nerds, heißt es, haben es in der Pubertät etwas schwerer als die Raver, eine Freundin zu finden. Das stachelt sie umso mehr an. Das Ergebnis liegt vor unser allen Augen: Nerds haben die Drehbücher unserer Kommunikation, unserer SMS-Botschaften, mittlerweile unseres Denkens geschrieben. Sie sind die größte Macht der modernen Gesellschaft. Ihre Texte verstehen Außenstehende nicht, obwohl sich alle nach ihnen richten, und sei es, wenn sie Suchbefehle bei Google eingeben. Es waren die Nerds, die als Erste erkannten, dass deshalb die Codes offen sein müssten, überprüfbar und zumindest lesbar für die anderen Nerds. Denn es gibt, wie überall, Abspaltungen, Verrat, Seitenwechsel auch bei den Nerds. Eine besonders gefährliche Gruppe sind die quants, die quantitativen Analysten; sie schrieben die Software für die Finanzprodukte, die die Katastrophe brachten.

Der Nerd als politisches Tier

Ihrem Wesen nach sind Nerds individualistisch. Aber sie sind Individualisten, die dank der digitalen Technologie die größte Vernetzungsstufe der Menschheitsgeschichte möglich gemacht haben: Vernetzung einzelner Subjekte, die ihren Charakter und ihre Individualität bewahren können, nicht nach ihrem Äußeren beurteilt werden, nicht nach ihrem Geschlecht, nicht nach ihrem Diplomatenkoffer oder ihrer Jute-Tasche. Die Organisation ist so geschlechtsneutral, wie es das Internet ist. Das erklärt, wieso sie politisch geweckt wurden, als die Grundregeln bedroht zu sein schienen. Und das macht sie wichtig und notwendig.

Über die „Piraten“ lässt sich Endgültiges noch nicht sagen. Die Partei betrachtet die modernen Technologien als ein Instrument der Emanzipation. Ihr harter Kern ist nerdig, doch Jens Seipenbusch, der Bundesvorsitzende und ein Intellektueller von Format, zeigt bereits den Übergang: die Verwandlung des Nerds in ein politisches Tier. Würden die Nerds jetzt oder bald ein politisches Mandat erringen, wäre das, nachdem sie die Kommunikation der Gesellschaft revolutioniert haben, ihr erster Triumph nicht mehr nur in der Welt der Legosteine, sondern in der Welt von Zement und Mörtel. Vielleicht würden die wahren Nerds im Lauf der Zeit und bei größerem Erfolg immer weniger, so wie sich in den achtziger Jahren die bärtetragenden strickenden Männer bei den Grünen keinen Außenminister Joschka Fischer haben vorstellen können. Aber zu glauben, es handele sich um das Partikularinteresse einer partikularen Öffentlichkeit, wäre ein großer Fehler.

Mathematisierung des Verhaltens

Was wir erleben, ist der Übertritt einer anderen Intelligenzform in den Bereich der Politik. Ob durchweg zum Guten, das lässt sich heute noch nicht sagen. Für das Problem des Urheberrechts haben die „Piraten“ so wenig eine Antwort wie die anderen: Ihr heutiges Programm, umgesetzt, bedeutete das Ende von Verlagen und Künstlern. Auch über den abgründigen Herrn Tauss sollte man schweigen, solange das Urteil nicht gesprochen ist. Jedenfalls verzichten die „Piraten“ glücklicherweise darauf, ihn zu einer Galionsfigur zu machen. Man kann nur hoffen, dass es so bleibt. Wenn die Schwäche eines Gesetzes dadurch bewiesen werden soll, dass ein Bundestagsabgeordneter aus angeblichen Recherchegründen einschlägige Daten empfängt und versendet und das Ganze dann auch noch mit den Worten „Geiles Material“ quittiert, dann ist man froh, dass es Gerichte gibt, die der „Recherche“ nachrecherchieren.

Doch wer diese Bewegung zu Befürwortern von Kinderpornographie machen wollte, handelte nicht nur moralisch, sondern auch intellektuell höchst unüberlegt. Die Fragen, die die digitale Intelligenz stellt, sind legitim und überfällig. Dazu zählt auch das Netzsperrengesetz. Kein Mensch bestreitet die Notwendigkeit, der Täter habhaft zu werden. Aber es wäre einem wohler, die Bundesregierung lüde die Kritiker ein, um gemeinsam ein Verfahren zu entwickeln, das funktioniert.

Noch hat die Politik, haben viele Menschen kaum eine Ahnung, wie fundamental die Informationstechnologien unser Verhältnis zu uns selbst verändern werden. Immer mehr Menschen bewegen sich in Informationsökologien, die harmlos wirken, aber in deren Untergrund hochkomplexe Berechnungen laufen, die menschliches Verhalten in Mathematik verwandeln. Das Feedback, das diese Systeme auf das „wirkliche“ Leben haben, lässt sich erst in Ansätzen erkennen. Aber klar ist, eine Welt, in der vom Arbeitgeber bis zur Krankenversicherung ganze Lebensläufe in Daten zerhackt, neu zusammengesetzt und interpretiert werden, Daten, in denen nicht nur Aussagen über die Gegenwart, sondern auch über die Zukunft, die Leistungskraft, die Kreativität und womöglich auch die politische Einstellung von Menschen gesammelt werden, eine solche Welt verändert ihr Verhältnis zur Freiheit fundamental.

Sie sind, was Sie sagen

Insofern ist das Programm der Nerds, ob sie nun in der Piratenpartei sind oder in anderen Parteien, noch viel zu bescheiden. Sie, die die Systeme kennen, müssen, wie seinerzeit die Renegaten der Atomspaltung, in politische Sprache übersetzen, was technisch möglich ist, was es aus uns macht und wie wir uns dagegen wehren können. In den Vereinigten Staaten sind Verhaltensvoraussagen zur Abwehr von terroristischen Verbrechen bereits ein florierender Markt. Aber eine Software, die solches Verhalten vorhersagen kann, kann das auch womöglich bei anderen Fragen. Das betrifft nicht nur den Staat, der das Internet erst mit der nächsten Politikergeneration wirklich entdecken wird, sondern vor allem auch Wirtschaft und Unternehmen.

2006 veröffentlichten fünf Forscher der Universität Minnesota einen Aufsatz mit dem Titel „Sie sind, was Sie sagen: Bedrohung der Privatsphäre durch öffentliche Äußerungen“. Was sie zeigten – mittlerweile ist die Technik ausgereifter –, war nichts anderes, als dass es Softwareprogramme gibt, die durch Zugriff auf Online-Datenbanken selbst bei Anonymisierung unglaubliche Korrelationen und Profile herstellen können. Da Menschen, über das, was sie mögen, gerne kommunizieren, einen Film, ein Musikstück, ein Foto, und da sie das meistens auf mehreren Plattformen tun, von Facebook über Amazon bis zum eigenen Blog, haben die Forscher gezeigt, dass es schon bei Verwendung von zwei Datenbanken möglich war, sechzig Prozent jener Menschen zu identifizieren, die acht oder mehr Filme erwähnten.

Die Fragen, die aus Verhaltenssteuerung und Voraussage sich ergeben, aber auch die Abhängigkeit des modernen Menschen von unverstandenen Algorithmen sind Kernfragen der gesellschaftlichen Zukunft. Sie werden nicht weggehen und nicht ein für alle Mal gelöst werden können. Aber es ist entscheidend, dass man erkennt, dass die Informationsgesellschaft auf andere Weise, aber mit ähnlicher Dramatik unser Leben revolutioniert, wie es einst die Maschinenparks des industriellen Zeitalters taten.

Großhirn der Gesellschaft

Und dazu brauchen wir Nerds. Sie sind eine politische Kraft, ziehen Nicht-Nerds an sich heran und werden bald auch die anderen Parteien verändern.

Die digitale Intelligenz, für die der Urkern der Piratenpartei nur ein Symbol ist, denkt nicht mehr psychologisch. Hier reden Experten der Informationsverarbeitung. Es sind Leute, die nichts so sehr interessiert wie die Frage, wie Informationen zustande kommen, weil dann erst über ihre Richtigkeit oder Unrichtigkeit geurteilt werden kann. Sie glauben zunächst nicht an höhere Einsichten, sondern an Algorithmen, das heißt an stufenweise aufgebaute Rezepte, die zu einem Ergebnis führen. Alles das, was hochkomplexe mathematische Theorien, sei es der Verhaltensökonomik, sei es der modernen Psychologie, in den letzten Jahren an neuen Erkenntnissen über das Zustandekommen von richtigen oder unrichtigen Entscheidungen herausgefunden haben, ist für sie längst Lebenswirklichkeit. Sie erleben es praktisch im Netz.

Jeder bekanntere Blogger kann die Effekte von Gruppenurteilen und Gruppenpolarisierungen auf seiner eigenen Seite in Echtzeit studieren, jeder weiß, dass das Ergebnis einer Debatte über Wertfragen manchmal nur von der mathematischen Einschätzung durch rivva.de oder Google abhängt, jeder erlebt, wie ein felsenfester Konsens binnen Sekunden durch Kommentatoren aufgebrochen werden kann und durch Feedback zu einem neuen Konsens wird – und wer das alles nicht selbst erlebt, kann es bei Wikipedia oder Google-News studieren. Das Netz beendet das Verhältnis von Macht und Gedanken nicht, es verteilt es nur neu. Wer in den letzten Tagen gesehen hat, dass eine sich als PR-Trick herausstellende Information über einen angeblichen Selbstmordanschlag in einer nicht existierenden amerikanischen Stadt über Twitter kommuniziert und am Ende von der dpa in alle Welt verbreitet wird, der weiß, dass „Urteile“, „Meinungen“ und psychologische Trends mathematischen Mustern folgen.

Anders aber, als die Cyber-Propheten glauben, ist das Netz auch strukturell keineswegs der Ort der Freiheit, als der es, auch aus Marketinggründen, annonciert wird. Man muss es anders formulieren: Das Netz stellt, gerade wegen seiner kontrollierten Strukturen, viele Freiheitsfragen auf ganz neue Weise. In seinem Maschinenraum arbeitet Software, die gleichsam über unendlich viele Aktenordner, Protokolle, Querverweise, Fußnoten, Eingaben das Verhalten steuert und prägt, ohne dass man es merkt. Die Vorstellung, dass das Netz an sich frei und kostenlos sei, ist eine der stärksten Illusionen der Gegenwart. Es ist einer der meistkontrollierten Organismen, die wir kennen. Moderne Informationstechnologien sind dezentral, aber ihrem Wesen nach bürokratisch.

Deshalb siedeln die „Piraten“ an einem Ort, den sie selbst erst vermessen, der aber, nach allem, was wir heute wissen, nicht das Herz, sondern das Großhirn moderner Gesellschaften betrifft. Die jungen Vertreter des alten Parteiensystems haben mit wachem Instinkt festgestellt, dass die „Piraten“ zwar einerseits kommerzfeindlich (Kopierschutz), in einigen ihren Strömungen partiell marxistisch (Vergesellschaftung der Inhalte), aber andererseits in ihrem Individualismus auch durchaus neoliberal sind. Eines der ersten Piratenschiffe im England der sechziger Jahre, das gekaperte Musik in den Äther sendete, hieß „The Laissez Faire“.

Doppelte Moral

Die existentielle Frage des geistigen Eigentums beispielsweise wird im Augenblick vor allem technisch beantwortet. Da das Internet kostenlose Kopien von allem und jedem zu Nullkosten erlaubt, folgt in den Augen der Piraten daraus die prinzipielle Freiheit der Inhalte. Es aber ist eine Schlüsselfrage der digitalen Zukunft, dass sich jedermann der unerwünschten Verbreitung und des Diebstahls seines geistigen Eigentums widersetzen kann. Jonas Andersson hat das soeben am Beispiel der schwedischen Website „Pirate Bay“ (die mit den „Piraten“ nicht in einen Topf geworfen werden kann) gezeigt. Die Gruppe der freien Inhaltelieferanten im Netz, jener Elite, die in eigenen Blogs und Foren Beiträge, Analysen und Kommentare liefert, ist im Vergleich zu denen, die sich ausschließlich fremder Inhalte bedienen und sie auch noch verkaufen, erstaunlich gering.

Viele, die im Netz das Urheberrecht in Frage stellen, basteln mittlerweile an ihrem eigenen Geschäftsmodell, und das ist vielleicht die aktuellste Erscheinungsform doppelter Moral: Es ist kein Zufall, dass der kluge Chris Anderson, Chefredakteur von „Wired“ und Autor des Buches „Free“, sowie der Cyber-Evangelist Jeff Jarvis ihre Bücher gegen Geld verkaufen und ihre Verlage Urheberrechtsverstöße streng ahnden. Allerdings muss man auch hier die Genese kennen: Kopierschutz bei Software oder Musik, der den Gebrauch fast unmöglich macht, und die potentielle Kriminalisierung der Computer-Kids, die sich ein Spiel kopieren, standen am Anfang der Massenbewegung.

Wir müssen reden

Womöglich sind die „Piraten“ längst nicht mehr die Nerds, die insbesondere Grüne wie neulich Julia Seeliger in einer klugen Analyse in ihnen zu erkennen glauben. Auf alle Fälle sind sie der Kern der ersten digital-sozialen Bewegung. „Eure Wurzeln sind nur im Netz“, schrieb Julia Seeliger in ihrem „taz“-Blog, um zu begründen, warum sie die „Piraten“ zwar begrüße, aber sie nicht wählen werde.

Das Netz freilich ist jetzt selbst eine Ökologie geworden und wird, im unmittelbar bevorstehenden, durch den Vorboten Twitter schon spürbaren Echtzeit-Internet, über die mobilen Geräte die Mauern zwischen der materiellen und der digitalen Welt noch löchriger machen. Das wird, anders als viele glauben, nicht auf Kosten des Papiers gehen, sondern ihm eine neue Rolle in der Ko-Existenz der Plattformen zuweisen. Dazu braucht die Gesellschaft Gesprächspartner, wenn sie nicht nur den Codes der Software und des nächsten Hypes folgen will. Es wäre schön für alle, wenn die „Piraten“, ganz gleich ob als Partei oder als Bewegung, ein solcher Gesprächspartner sein könnten. Um das herauszufinden, gibt es keine prognostische Software. Aber es gibt die Möglichkeit, ihnen zuzuhören und mit ihnen zu reden.

Text: F.A.S.

http://www.faz.net/s/Rub475F682E3FC24868A8A5276D4FB916D7/Doc~ECDFFB52576C1433783CB47AB44B8426F~ATpl~Ecommon~Scontent.html

Prügelstrafe macht Kinder dumm

Saturday, September 26th, 2009

Häufiges Geschlagenwerden geht einher mit geringerer Intelligenz

Durham/Wien – Wenn Eltern ihre Kinder schlagen, schädigen sie damit deren geistige Entwicklung. Das haben Forscher der University of New Hampshire http://www.unh.edu in dieser Woche auf der Internationalen Konferenz zu Gewalt, Missbrauch und Trauma http://www.ivatcenters.org in San Diego berichtet. Laut ihren Studien führt das Geschlagenwerden zu einer messbar geringeren Intelligenz auch noch Jahre später. “Je öfter Kinder geschlagen werden, desto langsamer verläuft ihre geistige Entwicklung”, so Forschungsleiter Murray Straus. Die häufigen Stress- und Angstzustände, denen geschlagene Kinder ausgesetzt sind, könnten eine wichtige Ursache für diesen Zusammenhang bilden.

Untersucht wurde das zunächst in den USA mit insgesamt 1.500 zwei- bis vierjährigen sowie fünf- bis neunjährigen Kindern, die man repräsentativ für ihre Altersgruppe auswählte. Beide Gruppen durchliefen im Abstand von vier Jahren zweimal einem Test zur Ermittlung des Intelligenzquotienten (IQ). Bei den anfangs zwei- bis vierjährigen Kindern, die von ihren Eltern geschlagen wurden, war der IQ-Wert vier Jahre später um fünf Punkte niedriger als die nicht-geschlagenen Alterskollegen, während dieser Unterschied bei der etwas älteren Versuchsgruppe immerhin noch 2,8 Punkte betrug. Auch weitere, weltweite Erhebungen der Forscher wiesen in dieselbe Richtung. So zeigte etwa ein Ländervergleich, dass hohe Raten von körperlicher Bestrafung bis ins Jugendalter den durchschnittlichen IQs der Gesamtbevölkerung senkt. Weiters fragten die Wissenschaftler 17.000 Studenten in 32 Ländern, ob sie in der Kindheit geschlagen wurden. Auch hier wurde der Zusammenhang mit der Intelligenz deutlich.

Als Ursache für dieses Phänomens sehen die Studienautoren die Tatsache, dass Kinder bei körperlicher Bestrafung viel Stress empfinden. Werden Kinder regelmäßig geschlagen, begünstige das einen chronischen Stresszustand, der für viele über Jahre andauere. Die Forschung zeigt, dass dieser Stress auch posttraumatische Stresssymptome wie übertriebene Angst vor schrecklichen Ereignissen oder leichtes Erschrecken auslösen kann, die die Entwicklung der Intelligenz beeinflussen. Weiters glauben die Wissenschaftler, dass die Verbreitung der Gewalt in der Erziehung und der höhere Intelligenzquotient der Bevölkerung wichtige Faktoren für die wirtschaftliche Entwicklung eines Landes sind.

“Wie sich die Intelligenz von Kindern entwickelt, wird von mehreren Faktoren bestimmt”, erklärt die Wiener Gesundheitspsychologin Claudia Rupp im Gespräch mit pressetext. Beteiligt seien die genetischen Anlagen, die dem Kind zukommende Förderung und Bildung und das soziale Umfeld, jedoch auch die Art der Bindung zu seinen Bezugspersonen. “Kinder mit guter Bindung zu den Eltern lernen viel leichter. Gewaltanwendung oder Misshandlung bringt hingegen Unsicherheit oder Desorganisation in diese Beziehung und führt zu einem Stress, der Lernprozesse hemmt”, so Rupp. Schädlich sei Gewalt in der Erziehung nicht nur dort, wo sie körperliche Verletzungen hinterlässt. “Allein die Tatsache, dass ein im Vergleich riesiger, älterer und mächtiger Mensch, der noch dazu als Elternteil wichtigste Quelle für Sicherheit und Geborgenheit ist, zuschlägt, ist für ein Kind schrecklich.” Zwar sei es richtig, dass Kinder Grenzen brauchen, doch dürften diese nicht mit körperlicher Gewalt vermittelt werden. “Niemand wird durch Gewalt brav. Die psychische Verletzung bleibt hingegen lange bestehen”, betont die Psychologin.

Das Zuschlagen bezeichnet Rupp als Ausdruck der Hilflosigkeit der Eltern. “Erziehung ist die schwerste Arbeit der Welt. Viele wollen ihre Kinder gar nicht schlagen, wissen sich jedoch in bestimmten Situationen nicht mehr zu helfen.” Die Vorstellung einer “gesunden” Züchtigung sei ebenso falsch wie das von Eltern oft vorgebrachte Argument, dass die Schläge in der eigenen Erziehung auch nicht geschadet hätten. “Irgendwann kommt man vielleicht drauf, dass man doch seelischen Schaden erfahren hat, denn sonst bräuchte man nicht zu Gewalt greifen.” Wenn die Situation eskaliert, rät die Psychologin den Eltern, professionelle Unterstützung in Beratungsstellen aufzusuchen. Hier könne man durch externe Hilfen genauer ansehen, warum es zum Zuschlagen kommt, wie es vermieden werden kann und welche besseren Reaktionen möglich sind. Ein besserer Umgang mit dem Thema gelinge, wenn es seine Scham verliere. “Statt Bestrafung für elterliches Fehlverhalten ist rechtzeitige und präventive Hilfe wichtig. Wer in der Erziehung Hilfe braucht, muss sie auch bekommen.”

Die Bedeutung der Prävention betont auch Eveline Holzmüller, Sozialarbeiterin und Kinderschutz-Expertin beim Amt für Jugend und Familie der Stadt Wien http://www.wien.gv.at/menschen/magelf/ gegenüber pressetext. “Derzeit wird der Ansatz ‘Frühe Hilfe’ getestet. Sozialarbeiter versuchen hier, Eltern mit hohem Risiko für Gewalt bereits in den Geburtsspitälern gezielt anzusprechen, sie zu beraten und Maßnahmen der Unterstützung zu vermitteln, falls die Eltern diese annehmen möchten.” Als Risikofaktoren, die in Fragebögen oder offenen Gesprächen erkundet werden, gelten vor allem Armut sowie die eigene Erfahrung von Gewalt. Die Körperstrafe ist in Deutschland und Österreich seit 1989 verboten. Kinder besitzen ein “Recht auf gewaltfreie Erziehung”, stellt das Gesetz fest, unzulässig sind demnach körperliche Bestrafungen, seelische Verletzungen und andere entwürdigenden Maßnahmen. (Ende)

Aussender: pressetext.austria
Redakteur: Johannes Pernsteiner
email: pernsteiner@pressetext.com

http://pressetext.de/news/090925033/pruegelstrafe-macht-kinder-dumm/

Papst der Lüge bezichtigt

Thursday, September 24th, 2009

Von Michael Meier

Papst Benedikt war offenbar über die Banalisierung des Holocaust durch Richard Williamson informiert, als er diesen und drei weitere Pius-Bischöfe rehabilitierte.

Der Erzbischof von Stockholm, Anders Aborelius, belastet Papst Benedikt schwer. In einer gestern vom schwedischen Fernsehen SVT ausgestrahlten Sendung sagte er, Benedikt XVI. habe von der Holocaustleugnung durch den Traditionalistenbischof Richard Williamson gewusst, als er am 24. Januar die Exkommunikation der vier Pius-Bischöfe aufhob. Drei Tage zuvor, am 21. Januar, hatte das schwedische Fernsehen das schon im November aufgenommene Interview mit Williamson ausgestrahlt, in dem dieser die Gaskammern in Nazi-Deutschland leugnete.

Papst Wochen zuvor informiert?

Der unter Beschuss geratene Papst versicherte stets, er habe vor der Versöhnung mit den Lefebvristen nichts von diesen Aussagen gewusst. Doch Erzbischof Aborelius sagt nun aus, er habe schon Wochen vor der Ausstrahlung des Interviews den Nuntius in Schweden, den Schweizer Erzbischof Emil Paul Tscherrig, über die revisionistischen Äusserungen Williamsons informiert. Worauf Tscherrig gemäss eigener Aussage den Vatikan verständigte.

Vatikan dementiert

Im Fernsehbericht wird Papst Benedikt der Lüge bezichtigt. Vatikan-Sprecher Federico Lombardi bestritt gestern jedoch erneut, dass der Papst vor der Aufhebung der Exkommunikation über die ungeheuerlichen Behauptungen des Bischofs unterrichtet worden sei. Williamson hatte allerdings schon 1989 in Kanada gesagt: «Die Juden haben den Holocaust nur ausgedacht, damit wir vor ihnen in die Knie gehen und ihren neuen Staat Israel anerkennen.

Die Aussöhnung des Vatikans mit den antisemitischen Pius-Bischöfen hatte zu Beginn dieses Jahres für Schlagzeilen gesorgt und einen beispiellosen Skandal provoziert. Selbst die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel hatte den Papst aufgefordert, sich unzweideutig vom Holocaustleugner Richard Williamsonzu distanzieren.

http://www.derbund.ch/zeitungen/ausland/Papst-der-Luege-bezichtigt/story/21810886

Eltern erziehen oft durch Lügen

Thursday, September 24th, 2009

Psychologin: “Glaubwürdigkeit steht auf dem Spiel”

Toronto/Wien – Eltern nehmen es in der Erziehung der Kinder kaum so genau mit der Wahrheit, wie sie es von den Kindern selbst einfordern. Das berichten kanadische und US-amerikanische Forscher in der Zeitschrift Journal of Moral Education. Sie fragten Eltern, bei welchen Gelegenheiten sie zur Lüge greifen, sowie auch junge Erwachsene, an welche Lügen ihrer Eltern sie sich erinnern können. Die Lüge ist erstaunlich weit verbreitet, so das Ergebnis der Studie. Die Erwachsenen wollen dadurch in der Regel entweder ein bestimmtes Verhalten hervorrufen oder die Kinder glücklich machen.

Die Antworten der Befragung zeigen, wie vielseitig Lügen in der Erziehung zur Anwendung kommen. Eltern gaben oft an, sie würden ihren kleinen Kindern schlechte Dinge in Aussicht stellen, falls diese nicht ins Bett gehen oder ihren Teller aufessen. “Wenn du nicht aufisst, wirst du Pickel im Gesicht bekommen”, so die Drohung einer Mutter, auch magische Kreaturen wie Hexen oder Zauberer wurden oft zu Hilfe gezogen. Andere berichteten, dass sie ihr Kind dazu angeregt hätten, den Schnuller in ein Paket zu wickeln, damit es der Schnullermann abholen und anderen Kindern bringen würde, die ihn brauchten. Auch der Hinweis, das Gekritzel eines Zweijährigen als “schön” bezeichnet zu haben, fanden die Forscher in den Antwortbögen wieder. “Sogar die Eltern, die am meisten auf Ehrlichkeit der Kinder pochen, lügen oft”, berichtet Studienleiter Kang Lee, Direktor des Institute of Child Study an der University of Toronto http://www.oise.utoronto.ca/ICS.

Warum Kinder den unwahren Schilderungen der Eltern überhaupt Glauben schenken, erklärt Pia Deimann, Entwicklungspsychologin an der Universität Wien http://psychologie.univie.ac.at, im pressetext-Interview. “Kinder vertrauen ihren Eltern völlig. Das kommt daher, dass der Mensch länger als jede andere Spezies auf gute Betreuung angewiesen ist.” Im Alter von etwa vier Jahren lernen Kinder schließlich, zwischen Lüge und Wahrheit zu unterscheiden. Gleichzeitig erreichen sie auch ein sprachliches und kognitives Niveau, das sie selbst zur Lüge nützen können. “Sie entdecken, dass sie durch die Sprache die Wirklichkeit verändern können, wenden sie sehr kreativ an und freuen sich, damit selbst andere Menschen in Schrecken versetzen zu können.”

Von der Lüge als Erziehungsmaßnahme rät Deimann strikt ab, da dies Eltern auf Dauer bloß unglaubwürdig mache. “Lügen sind zum Erreichen eines Verhaltens weder sinnvoll noch notwendig. Will ich, dass ein Kind Gemüse isst, so muss ich auch selbst dazu stehen. Daher stellt man bei unerwünschtem Verhalten am besten nur Konsequenzen in Aussicht, die man auch tatsächlich erfüllen kann und will.” Besonders unangebracht seien Lügen, wenn sie zur Bildung von Familiengeheimnissen führen, wie etwa die Verheimlichung der Adoption gegenüber dem Kind. “In diesem Fall gibt es keinen anderen guten Weg als die Wahrheit, so sehr sie auch schwer fällt und Diskussionen auslöst. Die Aufgabe lautet allerdings, die Wahrheit freundlich zu gestalten”, so die Entwicklungspsychologin. Vertretbar seien Lügen mitunter dort, wo sie das seelische Wohl des Kindes schützen. “Man kann einem Kind kaum zumuten, dass das tote Meerschweinchen in der Tierverwertungsanlage entsorgt wurde. Da ist der Meerschweinchenhimmel die bessere Variante.”

Zur Unwahrheit lassen sich Erwachsene auch oft durch die Angewohnheit der Kinder verleiten, ständig zu fragen. “Besonders im Vorschulalter wollen Kinder alles wissen, was Eltern jedoch nicht nerven sollte. Fragen ist ein Zeichen von Intelligenz, und nur durch Fragen können Kinder Wissen erwerben, das in unserer Gesellschaft ja so hohen Stellenwert besitzt. Wer als Kind interessiert an der Umwelt ist, wird das auch später beibehalten und ist in der Regel ein guter Schüler.” Da die Verweigerung von Antworten weitere Fragen verhindern würde, empfiehlt Deichmann den Eltern, sich eigene Strategien zurechtzulegen. “Man kann dem Kind zum Beispiel sagen, dass seine Frage gut ist, dass man jedoch im Moment keine Zeit dafür hat und zu einem späteren Zeitpunkt gemeinsam nach der Antwort suchen wird.” Kinderlexika oder im fortgeschrittenen Kindesalter das Internet würden dazu eine ideale Möglichkeit bieten. (Ende)

Aussender: pressetext.austria
Redakteur: Johannes Pernsteiner
email: pernsteiner@pressetext.com

http://pressetext.de/news/090924004/eltern-erziehen-oft-durch-luegen/

Macht der Meinungsumfragen – Die Droge Demoskopie

Wednesday, September 23rd, 2009

Der Wille des Wählers ist kaum noch zu messen. Ein Grund: Viele Jüngere haben nur noch ein Handy. Die Forscher erreichen sie einfach nicht.

VON STEFAN REINECKE

Frank-Walter Steinmeier (SPD) ist Anfang August auf Wahlkampftour. Kameramänner, Schaulustige, Journalisten drängen sich um ihn. Ein Lokalreporter fragt: “Herr Steinmeier, was sagen Sie zu den Umfragen?” Forsa hat gerade mal wieder einen historischen Tiefstwert für die SPD ermittelt. Steinmeier sagt, er blicke nach vorne und nicht auf die Umfragen von letzter Woche. Später sagt er trotzig: “Ich bin kein Umfrage-Junkie.”

Das stimmt nicht. Die gesamte politische Klasse ist süchtig nach Umfragen. Sie beeinflussen das politische Geschäft, sie entscheiden über Parteitage und das Ende von Koalitionen. So ließ Schleswig-Holsteins Ministerpräsident Peter Harry Carstensen in Kiel die Koalition mit der SPD auch platzen, weil die Umfragewerte für die CDU blendend waren. Die Bundes-SPD legte ihren Parteitag auf einen Termin eine Woche nach der Europawahl im Juni. Laut Meinungsumfragen konnte die SPD mit Gewinnen rechnen, die der Parteitag feiern sollte. Doch die SPD stürzte auf 20,8 Prozent ab. Parteichef Franz Müntefering beklagte sich danach über Umfrageinstitute, die “uns doch 26, 27 Prozent versprochen hatten”.

Je diffuser wird, was Bürger wollen, je dichter das Dickicht von Lobbyverbänden ist, die auf Politiker einwirken, desto mehr klammern sich Parteimanager an die Zahlen. Denn die sind übersichtlich und eindeutig.

So ergibt sich eine scheinbar paradoxe Lage. Ohne Umfragen läuft im Politikbetrieb nichts – doch die Umfragen sagen immer weniger über das Wahlergebnis aus. Einen Absturz erlebten die Demoskopen vor vier Jahren, am 18. September 2005. Alle Institute hatten für die Union etwa 42 Prozent berechnet – sie bekam 35,2. Das ist kein Einzelfall. Bei den Landtagswahlen in Bayern 2008 ermittelten Forsa und Emnid für die CSU zehn Tage vor der Wahl mindestens 49 Prozent, die CSU bekam sechs Prozent weniger. Welche Konsequenzen haben die Institute daraus gezogen?

Klaus-Peter Schöppner, der Chef des Emnid-Instituts, meint: “Wir haben 2005 keinen Fehler gemacht.” Auch bei Emnid lag die Union bei der letzten Bundestagswahl bei 42 Prozent – aber eine Woche vor der Wahl, wie Schöppner betont. Will sagen: Die Umfrage war korrekt, doch offenbar haben ein paar Millionen in den letzten acht Tagen vor der Wahl ihre Meinung über die Union geändert.

Im Demoskopen-Sound heißt dies, dass die Wähler volatiler werden. Sie wählen nicht immer die gleiche Partei, sie springen häufiger zwischen den Lagern. Und sie haben die für Demoskopen höchst unerfreuliche Neigung, nicht zu wissen, wen sie wählen. So wächst die Zahl der Unentschlossenen stetig. 1998 entschieden sich 20 Prozent erst in der Woche vor der Wahl, 2005 waren zehn Tage vor der Wahl 32 Prozent unsicher, wen sie wählen, diesmal sind es, laut ZDF, 41 Prozent. Fast jeder Zweite. “Die Ad-hoc-Entscheidungen nehmen zu”, sagt Schöppner. “Die statistische Unsicherheit wächst.” Doch das Selbstbewusstsein der Meinungsforscher leidet darunter keineswegs.

Jörg Schönenborn, der in der ARD die Umfragen präsentiert, ließ am letzten Donnerstag zwar plakativ einen Balken schräg über die Zahlenkolonnen legen: “Keine Prognose”. Doch von solchen Selbstdistanz-Demonstrationen abgesehen, tun die Institute so, als wäre nichts passiert. Sie behaupten unverdrossen, dass die Fehlertoleranz ihrer Umfragen zwei bis drei Prozent beträgt. Das ist gemogelt. Diese Zahl suggeriert eine Genauigkeit, die es nicht mehr gibt. Die Fehlerquote von zwei bis drei Prozent gilt nur, wenn alle Befragten wissen, was sie wählen. Doch so ist es nicht mehr. Die Demoskopen nehmen einfach an, dass die Unentschlossen mehr oder weniger genauso wählen wie jene, die wissen, wen sie wählen. Das stimmt manchmal, manchmal nicht. “Im Vergleich zu Bankanalysten”, so Emnid-Chef Schöppner, “sind wir doch noch ganz gut.”

Manfred Güllner, Chef von Forsa, versteht die Kritik an der Demoskopie nicht. 1965, sagt er, ging die Wahl auch anders aus als von den Demoskopen erwartet. Und damals gab es noch Stammwähler und die Bürger waren keine wankelmütigen Wesen wie heute. “Umfragen sind nicht ungenauer als früher”, sagt Güllner. Das ist ein kühner Satz, wenn man sich die Forsa-Zahlen 2005 anschaut. Damals befragte Forsa bis zwei Tage vor der Wahl und ermittelte für die Union 41 bis 43 Prozent. Die Union bekam nur 35 Prozent. Dieser kollektive Sinneswandel hat sich in kaum 48 Stunden vollzogen. Die Forsa-Zahlen waren schlicht falsch.

Forsa veröffentlicht seitdem ungerührt weiter Umfragen. Derzeit wollen, laut Forsa, 26 Prozent die SPD und 36 die Union wählen. Ehrlich wäre, mit Rückblick auf 2005, die Angabe: mit 7 Prozent Fehlertoleranz. Genau genommen wollen derzeit laut Forsa also zwischen 19 und 33 Prozent die SPD und zwischen 29 und 43 die Union wählen.

Die Umfragen sind unpräziser, weil die Wähler wankelmütiger geworden sind. Zudem ist es auch schwieriger geworden, den Wähler, das unbekannte Wesen, repräsentativ zu erfassen. Denn die zufällige Telefonbefragungen, auf die fast alle Institute setzen, klappen nicht mehr so wie früher. Viele Angerufene legen entnervt auf, weil sie glauben, dass ihnen jemand etwas verkaufen will. “Die Call-Center”, so Güllner, “sind ein echtes Problem.” Der Politikwissenschaftler Andreas M. Wüst vom Zentrum für Europäische Sozialforschung in Mannheim meint, dass “vor zwanzig Jahren noch jeder zweite Angerufene mitgemacht hat, heute könne die Institute froh sein, wenn jeder dritte antwortet”.

Und: Viele Jüngere haben nur noch ein Handy und keinen Festnetzanschluss mehr. Auch das stellt die Institute vor eine kaum lösbar Aufgabe. Forsa und Emnid arbeiten zwar mit Handystichproben. Doch längere Interviews sind mit Handynutzern, die gerade Autofahren oder in der Kneipe sind, unmöglich.

Kurzum: Es ist aufwändiger und schwieriger geworden, per zufälliger Telefonbefragung ein repräsentatives Bild zu entwerfen. Güllner ficht die Kritik nicht an. “Unsere Methoden”, sagt er, “sind ausgereift.”

Der SPD-Linke Karl Lauterbach macht derzeit in Köln Wahlkampf, um am 27. September dort ein Direktmandat zu erobern. Er läuft von Haustür zu Haustür und ist überzeugt, dass Umfragen systematisch verzerren. “Viele potenzielle SPD-Wähler, mit denen ich rede, haben keinen Festnetzanschluss, sondern ein Prepaid-Handy”, sagt er. Für längere Interviews seien sie auch nicht zu erwärmen. Dies führe dazu, dass “die SPD in Umfragen unterbewertet ist”. Und das kann im politischen Kampf ein handfester Malus sein. Wenn klar ist, wer siegt, wählen die Bürger lieber den Gewinner. Bandwagon-Effekt nennen das Meinungsforscher.

Vor allem Manfred Güllner ist für die SPD ein rotes Tuch. Güllner ist die umstrittenste Figur im Geschäft. Er ist seit 45 Jahren SPD-Mitglied und galt lange als SPD-nah. Heute redet er über die SPD, als handle es sich um eine Ansammlung von Volltrotteln. Auffällig ist, dass Forsa stets miserable SPD-Werte präsentiert. Als Kurt Beck als SPD-Chef wankte, veröffentlichte Forsa, dass jeder dritte SPD-Genosse vielleicht austreten will. Die von Forsa somit angekündigte Austrittswelle blieb aus – aber Beck war danach noch unsicherer als zuvor. Im März 2008 taxierte Forsa Lafontaines Linkspartei im Saarland auf 29 Prozent, die SPD auf 16. Keine anderes Institut kam je auf annähernd ähnliche Werte. Kürzlich behauptete Güllner, dass die Bundes-SPD an einem Mittwoch vor ein paar Wochen nur noch 16 Prozent hatte. Fragt sich, wann Forsa den historische SPD-Tiefstwert für einen Mittwochnachmittag veröffentlichen wird.

Güllners Ruf in der Branche leidet zwar unter seiner marktschreierischen Attitüde – die Nachfrage nach Forsa-Zahlen ist indes ungebrochen.

Diskurs verkümmert

Umfragen sind nicht nur mächtig, weil sie Wahlen beeinflussen. Sie prägen und formen auch das Bild von Politik. Erhard Eppler, früherer SPD-Vordenker, hält das für eine Gefahr für die demokratische Öffentlichkeit. Politiker, die sich dauernd für Umfragewerte rechtfertigen, können nur verlieren. In der Frage nach Umfragen, so Eppler, stecke stets die Unterstellung, “dass es Politikern nicht um Inhalte geht, sondern nur um sich selbst”. Das wöchentliche Trommelfeuer der Umfragen, so Eppler, “verdeckt die Auseinandersetzung um die Sache”. Der politische Diskurs verkümmert zur Ausdeutung von Zahlen, die vielleicht stimmen, vielleicht auch nicht.

Ein Beispiel, welche Blüten die Fixierung auf Umfragen treibt, war Ende August im Spiegel zu lesen. “Wahlergebnisse frieren die Stimmung eines Moments für vier Jahre ein. Im Herbst 2005 lagen Union und SPD für einen kurzen Moment fast gleichauf. Es entstand ein Gleichgewicht der Kräfte. Schwierig wurde es, als dieses Gleichgewicht bald schon virtuell wurde. In den Umfragen lag die SPD dann weit zurück, sie war ein Scheinriese.”

Die Wahl, Essenz der demokratischen Legitimation, erscheint als zufällige, flüchtige Stimmung – die Umfrage als wahrer Ausdruck des Volkswillens. Die Simulation (”Wen würden Sie wählen, wenn am Sonntag Wahl wäre?”) ersetzt das Ereignis. Wenn die launischen Wähler weiterhin die soliden Umfragetrends über den Haufen werfen – wäre es da nicht besser, auf die Wahl zu verzichten?

Mitarbeit: Paul Wrusch

© taz Entwicklungs GmbH & Co.

http://www.taz.de/1/politik/bundestagswahl/artikel/1/die-droge-demoskopie/

Karl Kraus Die chinesische Mauer

Monday, September 21st, 2009

Februar 1908

Das Erdbeben

Und doch war es nur das dumpfe Rollen einer Ahnung von dem, was kommen wird. In diesem Jahr wird sich die Erde auftun und gegen die vermessene Behauptung, daß der Wiener nicht untergeht, demonstrieren. Könnte es denn anders sein? Die Dummheit ist ein Elementarereignis, mit dem es kein Erdbeben aufnimmt. Ihre inneren Gewalten müssen sich einmal in einer Katastrophe entladen, die das Antlitz dieses Weltkörpers entstellen wird. Denn nie zuvor kann es eine Kulturperiode gegeben haben, in der die Menschen, durch Rasse und Religion getrennt, sich mit solch einiger Begeisterung zur Dummheit bekannt hätten! Vielleicht ist ihnen noch bis zur Betriebseröffnung des Luftschiffs eine Frist gegeben und erst die geistige Verkehrsstörung, die sich dann rapid fühlbar machen wird, als Anfang vom Ende vorgesehen. Ich aber hänge dem Gedanken nach, daß sich noch in diesem Jubeljahr, wenn etwa der Festzug über die Ringstraße geht, große Dinge begeben werden.

Schon vom Faschingsabend des Männergesangvereins hatte ich mir alles Mögliche versprochen, und ich finde einigen Trost bei der Vorstellung, daß wenigstens ein leises Zittern des Bodens die Antwort auf die Enthüllungen war, die dieses Fest den entsetzten Blicken geboten hat. Denn die Saaldekoration zeigte die New-Yorker Freiheitsstatue, wie sie »die ankommenden Wiener mit dem Ausruf: ›O du mein Österreich!‹ begrüßt«, und daneben den Chormeister Kremser, wie er sich »der Zudringlichkeiten eines Indianermädchens mit den Worten erwehrt: ›Da bleib i nöt, da geh i ham’«. Nicht genug. Einer trug, so meldet der Bericht, »eine geschmackvolle Standarte, darstellend ein gelungenes Geldstück mit der Inschrift: ›Der Krach, der is zwida, Stiribus, Omnibus, Krida‹«. Und: »Unter den ohrenbetäubenden Klängen des Sternenbannermarsches zog die fidele Gruppe der ›Stieren Sternenbanerstierer‹ vorüber«. Es waren, so sagt man, »amerikanische Lächerlichkeiten im Lichte des Wiener Humors«. Ich las es und dachte: Schreckliches wird geschehen. Wir liegen an den letzten Ausläufern der Alpen, und diese werden sich einer alten vulkanischen Verpflichtung erinnern, genau so wie die Polizei, wenn sie sich nicht anders helfen kann, ihr altes Prügelpatent hervorholt. Schon war ein Knistern hörbar … Man hatte beobachtet, wie auf einem Eislauffest ein Ehepaar »als Gemüse verkleidet« erschien, und zwar die Frau »als gelbe Ruab’n« und der Gatte »als schwarzer Radi«. Bald darauf wurde wieder gemeldet: »Eine recht heitere kleine Gruppe bildete die Familie eines Industriellen« — der Vater »als Blinddarmschneider«, die Mutter »als Modebazillus« und die Tochter »als noch wachsende Kohlennot«. Es war ein Bild rührenden Familienlebens, doppelt ergreifend angesichts der nahen Katastrophe. Und über solche und ähnliche Vorboten äußerten sich liberale und antisemitische Blätter mit der gleichen ahnungslosen Ruhe, die Ausdehnung der Berichte schwankte an jedem Tag zwischen zehn und fünfzehn Spalten, und es war volle Einigkeit darüber, daß Wien Wien bleibt, nur daß nach der Darstellung der einen die Faschingsfröhlichkeit unter der Führung des Herrn Dr. Koritschoner ihren Einzug nahm und der Altwiener Humor mit G’spiel und Musi von den Familien Merores, Verständig und Kulka besorgt ward, während die andern beharrlich daran festhielten, daß dem Magistratsbeamten Bösbauer und dem Ehepaar Hadrawa das Verdienst zukomme. Da, auf einmal, fand irgendwo »eine das Wiener Leben so schön charakterisierende Strophe begeisterten Widerhall in den Herzen der vielen Tausende von Zuhörern«. Sie begann:

Wiener Mode, Wiener Schick,

Wiener Pülcher, Burgmusik,

Wiener Würsteln, Wiener Madeln,

G’stellt vom Kopf bis zu die Wadeln — —

»Ist dies das verheißne Ende? Sind’s Bilder jenes Grauens?« Bezeichnet dies Durcheinander von Pülchern, Wursteln und Mädeln, wie Wiens beste Schätze zu liegen kommen werden, wenn das Unabwendbare eintreten sollte? … Ich sah nach der Magnetnadel. Und richtig, sie zeigte eine merkliche Abweichung der Gehirne. Und kaum war der Bericht im Deutschen Volksblatt erschienen, gab’s ein Erdbeben … Nun, dachte ich, aber jetzt wird für ein Weilchen Ruhe sein. Wir sind gewarnt. Der Wiener wird sehn, daß doch kein Verlaß auf die Geduld des Erdbodens ist, er wird Bescheidenheit lernen und sich darauf einrichten, erforderlichenfalls so unterzugehn, daß kein Aufsehen entsteht … Gar keine Spur! Jetzt gehts erst los. Die Dummheit stürzt auf die Gasse, rafft an »Beobachtungen« zusammen, wessen sie habhaft werden kann, und läuft in die Redaktionen, um zu melden, daß sie erschrocken ist. Daß sie auch dabei war! Pfosten stürzen, Fenster klirren, Kinder jammern, Mütter irren, und die Väter schreiben Briefe an die Neue Freie Presse. Daß ein Erdbeben stattgefunden hat, geht für die Intelligenz aus dem Gutachten des »Seismologen« beinahe ebenso klar hervor wie aus der Versicherung eines Pikkolo, er habe »nicht g’stößen«, welche ein Kaffeehausgast, dessen Tisch schwankte, eiligst rapportiert. Ein Herr aus der Porzellangasse — die in solchen Fällen für besonders gefährdet gilt —, behauptet in allen Blättern täglich zweimal die ganze Woche hindurch, er wohne in einem Hause, das »auch in normalen Zeiten nicht zu den solidest gebauten gehört«. Ein alter Abonnent gibt zu, er sei sogleich ans Telephon geeilt und habe die Nummer der geschätzten Redaktion verlangt, worauf das Telephonfräulein nur die Antwort gehabt hätte: »Sie wünschen die ›Presse‹ zu sprechen? Es sind leider wegen des Erdbebens alle Nummern besetzt«. »Ich wußte genug«, schließt der Einsender die höchst charakteristische Zuschrift. Alle Nummern besetzt, alle Spalten gefüllt. Tagaus, tagein, heute, morgen, ewig. Bis das Weltgebäude zusammenkracht- und auch eine schriftliche Verständigung mit der Redaktion der Neuen Freien Presse nicht mehr möglich ist. Wessen Brief infolge redaktionellen Weltenraummangels nicht untergebracht werden konnte, der muß sich damit begnügen, seinen schlichten Namen in einer täglichen Liste der Erdbebenbeobachter gedruckt zu sehen. Immerhin, man war bisher bloß auf dem Concordiaball bemerkt worden; man hatte höchstens für die Abschaffung des Sperrsechserls seine Stimme erhoben; man war ein schlichter Vertreter des »Rechts auf Stille« gewesen, oder gar nur ein Nichtraucher. Und der Meldezettel ist schon abgeschafft, die Telephongebühren sind ermäßigt und die Blattern erloschen. Ein Herausgeber der Neuen Freien Presse stirbt auch nicht alle Tage. Man braucht gewiß keinen Grund, um seinen Namen auf eine Abortwand zu schreiben, aber es muß schließlich eine Gelegenheit da sein, um ihn in die Neue Freie Presse zu bringen. Und sie sorgt für Gelegenheiten. Gäb’s keine Ereignisse, sie würde sie erfinden, damit ihren Abonnenten die Freude werde, dabei gewesen zu sein. Gäb’s keine Feuersbrunst, sie zählte dennoch die Häupter ihrer Lieben. Und es ist wieder ganz so wie immer: als ob es sich um nichts geringeres als um die Elegie auf den Tod eines Redakteurs handelte, wird jeder Karfunkelstein, der uns seine Teilnahme am Erdbeben tief erschüttert bekundet, im nächsten Morgenblatt genannt. Ja, hätte der Schwachsinn nie daran gedacht, aus seinem Privatleben hervorzutreten, jetzt ist ihm eine Gelegenheit geboten, die Banalität wird aus ihrem Versteck gelockt, das Durchschnittsmenschentum im Triumph eingeholt. Eine verzehrende Gier hat sich des Herrn Niemand bemächtigt, genannt zu werden. Tausende umlagern die Redaktion, heben die Hände empor zum Mirakel des lokalen Teils und rufen: Ich auch! Ich auch!

Und es ist reinster Idealismus, der diesem Streben entgegenkommt. Man könnte ja argwöhnen, die Geologen der Neuen Freien Presse seien Inseratenagenten und jede Null habe sich erst einen Fünfer zulegen müssen, um verewigt zu werden. Ist doch nachträglich eine solche Deutung der Kondolenzen zum Tode des Mitherausgebers in Umlauf gekommen. Nicht daß es wahr ist, aber daß man es den Überlebenden der Neuen Freien Presse zutraut, macht die Version bemerkenswert. Diesmal glaube ich, daß bloß die Firmentafeln, die durch das Erdbeben ins Schwanken kamen, inseriert werden mußten, daß aber reinstes Verständnis für die Bedürfnisse der Zeit die Nennung der Privatpersonen bewirkt hat, auf die das Erdbeben einen gewissen Eindruck machte. Und daß man in den Varietés und Kabaretts vor aller Gefahr geschützt war, während in der Privatwohnung der Toilettefrau der »Fledermaus« die Uhr stehen blieb, ist gewiß interessant. Doch auch sonst wurde in durchaus selbstloser Absicht jedes Nachtkastel, das gewackelt hat, registriert. Ob es von der Wiener Werkstätte erzeugt, also ohnedies schon etwas unsicher war, oder nicht — der Einsender legt Wert darauf, daß man in der Öffentlichkeit wisse, er habe ein Nachtkastel. Es kann auch ein Automobil sein. Denn fürwahr, warum wäre uns sonst gemeldet worden, daß der Chauffeur des Herrn Viktor Leon — der allerdings der Verfasser der »Lustigen Witwe« ist — etwas gespürt hat?

Wie soll das werden? Was wird geschehen, wenn eines Tages die Stöße so rasch aufeinanderfolgen, daß die Presse nicht mehr nachkommen kann? Die Journalisten lassen sich in ihrer irdischen Sicherheit nicht bange machen. Sie werden ein bißchen von den Sesseln gehoben, aber sonst fürchten sie nicht den Tod, hoffen auf Kondolenzen und denken nicht an Prügel, zu denen sich doch einmal ein paar handfeste Kulturfreunde aufraffen könnten. Ich habe eine andere Methode versucht. Eine, deren Möglichkeit ich schon einmal angedeutet hatte. Ich gab ja der Neuen Freien Presse zu bedenken, daß die Zuschriften, die sie nach irgendeinem Elementarereignis aus der Leopoldstadt empfängt, von mir verfaßt sein könnten. Ich habe sie gewarnt. Aber der liebe Leichtsinn will nicht hören, sitzt gemütlich beim Erdbeben, verzeichnet einlaufende Meldungen und glaubt, daß das so schön weitergehen wird. Da nahm auch ich Papier und Tinte und schrieb den folgenden Brief an die Neue Freie Presse:

Ich las gerade Ihr hochgeschätztes Blatt, als ich ein Zittern in der Hand verspürte. Da mir diese Erscheinung von meinem langjährigen Aufenthalt in Bolivia, dem bekannten Erdbebenherd, nur zu vertraut war, eilte ich sogleich zu der Bussole, die ich seit jenen Tagen in meinem Hause habe. Meine Ahnung bestätigte sich, aber in einer Weise, die von meinen Beobachtungen seismischer Tatsachen in Bolivia durchaus abwich. Während ich nämlich sonst ein Abschwenken der Nadel nach Westsüdwest wahrnehmen konnte, war diesmal in unzweideutiger Weise eine Tendenz nach Südsüdost feststellbar. Allem Anscheine nach handelt es sich hier um ein sogenanntes tellurisches Erdbeben (im engeren Sinne), das von den kosmischen Erdbeben (im weiteren Sinne) wesentlich verschieden ist. Die Verschiedenheit äußert sich schon in der Variabilität der Eindrucksdichtigkeit. Bei dieser Art von Erdbeben kommt es vor, daß jemand, der im Nebenzimmer sich aufhält, nichts von all dem merkt, was sich uns unverkennbar offenbart. Meine Kinder, die um jene Zeit noch nicht eingeschlafen waren, hatten nicht das geringste gemerkt, während wieder meine Frau behauptet, drei Stöße gespürt zu haben. Hochachtungsvoll Zivilingenieur J. Berdach, Wien II., Glockengasse 17.

Ein Freund, der dabei war, als ich es schrieb, und dem ich die Mitteilung verdanke, daß in Bolivia bestimmt nie ein Erdbeben stattgefunden hat, meinte: Das wird nicht erscheinen. Ich sagte: Das wird erscheinen! Die Neue Freie Presse wird darüber erfreut sein, daß sie unter so vielen Laien endlich einen Fachmann zu Wort kommen lassen kann, der die Bussole bei der Hand hat, von einer Variabilität der Eindrucksdichtigkeit spricht und vor allem über eine Einteilung in tellurische und kosmische Erdbeben Bescheid weiß. Mein Freund sagte: Aber das »Zittern der Hand« wird den Einsender verraten! Nein, sagte ich, wenn selbst das Zittern der Hand als Begleiterscheinung eines Erdbebens der Redaktion verdächtig vorkommen könnte — als Ausdruck der Empfindung des Lesers, der die Neue Freie Presse in die Hand nimmt, wird es plausibel erscheinen. Nämlich des Respektes, nicht etwa des Ekels oder der Wut. Mein Freund sagte: Sie überschätzen die Dummheit der Leute. Ich sagte: Nein. Aber selbst wenn ich sie überschätze, die Zuschrift ist aus der Glockengasse — und darüber kommt kein Redakteur der Neuen Freien Presse hinweg! … Und die Zuschrift erschien. »Herr Zivilingenieur J. Berdach schreibt uns aus der Glockengasse.« Am 22. Februar 1908 … Ich hatte die Neue Freie Presse gewarnt. Meine Schuld ist es nicht, daß sie jetzt eine Zuschrift von mir abgedruckt hat. Aber wenn dieses Erdbebenunglück auch geschehen ist, so kann man ihr doch nicht vorwerfen, daß sie den Brief gedankenlos zum Druck befördert habe. Sie hat ihn redigiert. Sie hat aus den Stößen, die meine Frau gespürt hat, »Erschütterungen« gemacht, weil man eben in so ernster Sache jede Zweideutigkeit vermeiden muß. Sie hat die »kosmischen Erdbeben«, die ihr als eine widerspruchsvolle Bezeichnung erschienen, in »kosmische Beben« verändert; und hat peinlich darauf geachtet, daß in dem Wort »kosmisch« kein Buchstabe verloren gehe. Sie schweigt mich seit zehn Jahren tot; sie ignoriert mich als Satiriker — und läßt mich als Geologen gelten … Aber die Freude an einem fachmännischen Gutachten sollte nicht ungetrübt bleiben. Ich selbst gedachte, sie ihr zu trüben. Früher schon hatte einer ihrer Beobachter die Oberleitungsdrähte der Straßenbahn beim Erdbeben schwingen gesehen, und sogleich meldete sich ein ernsthafter Namensvetter, der entrüstet erklärte, die Beobachtung stamme nicht von ihm. So, gerade so wollte ichs auch machen. Ich gedachte einen andern Berdach erklären zu lassen, er danke seinem Schöpfer, daß er nicht sei wie dieser. Es war nicht nötig: wer beschreibt meine Überraschung, als ich zwei Tage später die Verwahrung eines Berdach las? Auch den gibts natürlich nicht. Wohl aber scheint es außer mir schon Leser zu geben, die allmählich daraufkommen, was man alles mit einem Intelligenzblatt machen kann. Noch sind freilich der Gläubigen mehr, deren Hand respektvoll zittert, wenn sie bei einem Erdbeben die Neue Freie Presse lesen.

Und es wird weiter beobachtet. Man muß nachtragen, daß ein Herr versichert, die Scherben einer zerbrochenen Vase seien »gegen Süden geflogen« und das verschüttete Wasser habe »eine Strichspur Nordsüd gezeigt«. Daß bei einer Pokerpartie die Karten nach allen Richtungen geflogen seien. Und daß ein Papagei unruhig wurde. Und daß in einer Kegelbahn ein Rollen vernehmbar war. Ich auch! Ich auch! Wer in diesem Sommer nicht geimpft wurde, darf jetzt einen Stoß verspüren. Und wenn die Redaktionstelephone besetzt sind, teilen sie sichs untereinander mit. Die Wiener begrüßen den Weltuntergang mit einem Halloh, Halloh! »Durch das Erdbeben entstand ein Ansturm der Telephonabonnenten, die Verbindungen haben wollten, um das Elementarereignis anderen mitzuteilen.« Als der erste Ruck kam, trübte kein metaphysischer Gedanke die Reinheit ihres Vorstellungslebens. Ein Volk von Tarockspielern blickte nicht auf, als das Schicksal Ultimo ansagte. Bloß das Mitteilungsbedürfnis, das schon in erdbebenfreien Tagen häuserhoch aufklatscht, wuchs ins Gigantische. Nur nicht hinwerden, ohne daß es der andere erfahrt! Da habts mein letztes Kranl — aber in die Zeitung muß es kommen. Nein, das war doch kein tellurisches, das war ein kosmisches Erdbeben. Das war die Dummheit! Und es war eine Probe, wie sich der Wiener beim Weltuntergang, der in diesem Jahre bestimmt stattfindet, auffuhren wird. Es kann schön werden. Wir werden uns wieder einmal so benehmen, daß wir uns vor dem Ausland schämen müssen. Eine Schlamperei wird herrschen, die ohne Beispiel sein dürfte. Die Flüsse werden zu spät stehen bleiben und die Erde wird sich unpünktlich öffnen. Und alle werden dabei sein wollen. Wenn die Redaktionen nicht jetzt schon die Präsenzlisten setzen lassen, werden sie den Einlauf nicht bewältigen können. Dazu werden Ausrufe hörbar werden, die einem die Freude am Untergehn verderben könnten. Der Krach, der is zwida!, wird es heißen. Und einer ruft: Da bleib i not, da geh i ham — — Kein Entrinnen! Ein Komet taucht auf, zieht vor der Neuen Freien Presse den Schweif ein, verrichtet aber dann sein Werk. Der Himmel fällt auf die Erde, Berge fallen in Meere, und der Reinertrag fällt der Concordia zu. Die Sternenbanerstierer gehen um. Wiener Pülcher, Wiener Wursteln, Wiener Mädeln, alles liegt durcheinander. Die wachsende Kohlennot erscheint. Noch einmal zieht der Dr. Koritschoner mit G’spiel und Musi vorüber. Und das Verhängnis kommt mit dem großen Reibsackl … Alles ist hin. Nur der letzte Mensch, ein Lokalredakteur, ruft mit gellender Stimme in das Chaos: Man bemerkte u.a. Angelo Ei — — Weiter kam er nicht.

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Quelle: http://www.textlog.de