Projekt Duisburg 3.2.2010

Hallo! Nun endlich habe ich das Tool zum Arbeiten bekommen und dazu aufgrund der Beschaffenheit meiner eigenen mittelalterlichen Kiste einen brandneuen Rechner. Darüber bin ich sehr froh, die Hassliebe zu meiner Maschine hatte zwar auch drollige Züge und stand auch irgendwie exemplarisch für mein durch und durch masochistisches Verhältnis zum Leben, aber für die Ansprüche jetzt hier genügt er einfach nicht. Wenn ich bei jedem Hochfahren eine halbe Stunde warten muss und im Word eineinhalb Zeilen mal eben gar nicht sehen kann, was ich geschrieben habe, ist das einfach alles recht mühselig und ließ sich nur ertragen, weil ich recht viel Zeit hatte. Jetzt kann es also los gehen mit dem, was für mich das Wichtigste am Projekt ist, dem Schreiben.
Nun hier die ersten Erlebnisse in Hochfeld auf einen Punkt zu bringen, will nicht leicht fallen. Sicherlich, Klischees und Stereotypen zu benennen, die eigenen, und sich von deren eventuellen Hintergründen, die ich nicht kenne, überraschen zu lassen, das sollte ja für mich so das oder eines der Konzepte sein. Sich das jedoch in der Theorie vorzustellen und das dann wirklich Praxis werden zu lassen sind schon zwei paar Schuhe, da werde ich mich auch auf Überraschungen gefasst machen müssen.
Wichtig und neu ist, dass ich hier seit langem mal wieder mit jemandem zusammenlebe und das ist nicht eben ganz einfach für mich, da ich seit einigen Jahren eine ganz extreme und tiefgehend institutionalisierte Form des Alleinseins gepflegt habe. Die psychologisch interessante Konstellation, hier einfach mal Menschen aufeinander treffen zu lassen (bei einer Bewerbung für eine Wohngemeinschaft konnte man sich nicht aussuchen, mit wem man zusammen ziehen würde), birgt bei allem Idealismus logischerweise auch die Möglichkeit absoluter Antipathie oder zumindest ausgeprägten Desinteresses. Muss nicht so sein, kann aber. Ich möchte und muss es jedoch als Möglichkeit zur Entwicklung wahrnehmen.
Bei mir bemerke ich mein mir nicht unbedingt sympathisches Bemühen, mein Gegenüber zu verobjektivieren, ihn zu analysieren, manche sagen, „bei lebendigem Leib zu obduzieren“. Ich fühle mich erinnert an Martin Buber, dieses Problem hat er in seinem Buch „Ich und Du“ sehr eindrücklich beschrieben, dass das Gegenüber in seiner eigenen nicht zu beeinflussenden unendlich entfernten Wirklichkeit eine Gefahr darstellen kann, derer wir uns bemühen Herr zu werden, indem wir es funktionalisieren und zum Objekt werden lassen. Sind wir sehr verliebt in unsere Fähigkeit, Generalisierungen zu bestätigen und schnell und treffend Stereotypen in unserem Gegenüber zu orten, werden wir auch bestrebt sein, unserem Gegenüber nur die Möglichkeiten der Artikulation zu lassen, die uns in unserem Urteilsvermögen nur peripher in Frage stellen werden. Unser Bedürfnis nach Sicherheit also beschneidet die Wirklichkeitsmöglichkeiten unseres Gegenübers.
Hatte ich anfangs im Verhalten meines Mitbewohners recht schnell Geiz, Selbsteingenommenheit und einen leichten Größenwahn diagnostiziert, bin ich jetzt nach einigen Wochen der Meinung, sein Verhalten hat auch etwas recht Verzweifeltes, ist geprägt von einem Bemühen Fixpunkte zu zelebrieren, die unter Umständen mir nicht als solche erscheinen wollen, vom Bedürfnis, sich an sich selbst zu berauschen und eigene Lebensentscheidungen zu allgemeinen Grundsätzen zu erheben. Und auch diese Beurteilung muss ich und möchte ich als etwas Vorläufiges behandeln, da ich ihre Hintergründe noch gar nicht kennen kann. Genau so kann sich herausstellen, dass ich eventuell hier oder da meinen ganz persönlichen Größenwahn pflege, der mich glauben lässt, ich könnte da was erkennen, was der Andere nicht weiß. Es wird spannend.

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