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Spirituelle Entwicklung sagt nichts über Reife aus – Israelische Studie kommt zu überraschendem Ergebnis

Friday, March 19th, 2010

Haifa/Wien – Ein Mensch kann ein sehr hohes Maß an spiritueller Entwicklung zeigen, ohne emotional und psychologisch reif zu sein. Das ist das Ergebnis der neuesten Studie von der Psychologin Ofra Mayseless von der Universität Haifa http://www.haifa.ac.il wurde im Rahmen der Konferenz über “Zeitgenössische Spiritualität” vorgestellt.

Als psychologische Reife gilt die Fähigkeit, Impulse zu kontrollieren und Akzeptanz einer Verantwortung für die Konsequenz des eigenen Handels zu übernehmen. Die Studie, die an 215 College-Studenten zwischen 19 und 30 Jahren durchgeführt wurde, untersuchte das Zusammenspiel dieser zwei Entwicklungsdomänen.

Verbindung zwischen Spiritualität und Reife

Zudem stellte sich für die Forscherin auch die Frage, wie sie zusammenfließen und sich gegenseitig beeinflussen, wenn die beiden Bereiche miteinander verbunden sind. “So ist zum Beispiel ist ein bestimmter Grad an emotionaler Reife erforderlich, bevor ein Individuum Spiritualität entwickeln kann”, meint die Psychologin. Interessant war somit, was passiert, wenn jemand transzendentale Erfahrungen sammelt, als Individuum aber noch nicht die emotionale Reife besitzt.

Mayseless kommt in ihrer Untersuchung zum Schluss, dass es eine Verbindung zwischen psychologischer und spiritueller Reife sowie einem individuellen Wertesystem gibt. Das wiederum ergebe die Frage, ob beide Entwicklungsdomänen bei der Entwicklung eines spezifischen Attributs mitwirken, oder ob eine davon ausreicht. Das Ergebnis war verblüffend, da die Untersuchung deutlich gezeigt hat, dass sowohl psychische Reife als auch Spiritualität separat an der Entwicklung von individuellen Charaktereigenschaften beitragen.

Komplexe Entwicklung der Reife

“Die Wahrheit ist, dass ich zeigen wollte, dass ein Individuum, das in beiden Domänen reif ist, zusätzliche Werte hat und dass jemand, der psychologisch als auch spirituell entwickelt ist, mehr Attribute wie Großzügigkeit, Geduld und Pluralismus nach außen demonstriert. Aber das war nicht das, was wir entdeckt haben”, so die Forscherin.

“Die Studie hat deutlich gemacht, dass sich jede Entwicklungsstufe unabhängig von der anderen herausbildet. Der Beitrag, der zu gewissen Attributen führt, ist aber ähnlich. Möglicherweise gibt es auch eine Verbindung”, meint die Forscherin. Dies lasse sich allerdings nur über eine Langzeitstudie feststellen, in der Einzelpersonen über einen gewissen Zeitraum untersucht werden und Änderungen in den einzelnen Bereichen herausgearbeitet werden können.

Sozialisation spielt große Rolle

“Die Entwicklung ist sehr stark von der Sozialisation abhängig”, meint die Psychologin Caroline Erb von parship http://www.parship.at im pressetext-Interview. “Der soziokulturelle Hintergrund spielt in der Ausprägung der Wertigkeiten eine wesentliche Rolle. Das bedeutet, dass es ausschlaggebend ist, in welcher Gesellschaft jemand aufwächst.” So werde Gleichberechtigung in Nordeuropa anders beurteilt wie in einem arabischen Land.

Aussender: pressetext.austria
Redakteur: Wolfgang Weitlaner
email: weitlaner@pressetext.com

http://www.pressetext.de/news/100319001/spirituelle-entwicklung-sagt-nichts-ueber-reife-aus/

Gehirn besitzt Standby-Funktion – Vorhersage von Sinneseindrücken spart Energie

Thursday, March 11th, 2010

Frankfurt – Die Weiterleitung von Sinnesreizen ist keine Einbahn etwa vom Auge ins Gehirn. Das Gehirn versucht schon im Vorfeld, die Wahrnehmung erfahrungsgemäß vorherzusagen. Das berichten Hirnforscher aus Glasgow und Frankfurt http://www.mpih-frankfurt.mpg.de in der Zeitschrift “Journal of Neuroscience”. Den Ergebnissen ihrer Experimente zufolge spart das Gehirn durch diesen Trick Energie.

Um das herauszufinden, zeigten die Wissenschaftler ihren Versuchspersonen einen Bildschirm mit sich bewegenden kleinen Balken. Die Kernspintomografie zeigte, dass die Sehrinde des Gehirns dann am aktivsten war, wenn ein Balken aus dem erwarteten Bewegungsmuster ausbrach. “Wir schließen daraus, dass das Gehirn nicht einfach nur auf Signale aus den Sinnesorganen wartet. Stattdessen versucht es aktiv, mögliche Sinneseindrücke vorherzusagen”, berichtet Studienleiter Wolf Singer.

Überraschungen nicht gerne gesehen

Treffen die Vorhersagen des Gehirns zu, verarbeitet es die eintreffenden Informationen besonders effektiv und mit geringem Aufwand, wie durch die geringere Gehirnaktivität ersichtlich ist. Hat es sich geirrt – also im Falle von Überraschungen – steigt die Aktivität auf Hochtouren. “Das Gehirn möchte nicht überrascht werden. Folglich muss es seine Vorhersagen verbessern, welche Reize es zu erwarten hat. Die Suche nach der Ursache des Irrtums erfordert viel Arbeit”, ergänzt Studien-Mitautor Arjen Alink.

Die Standby-Funktion des Gehirns bei gewohnten Eindrücken kann in bestimmten Situationen auch zum Verhängnis werden. Eine aktuelle Studie der Uniklinik Essen (pressetext berichtete: http://pressetext.com/news/100217018/ ) zeigt, dass Autofahrer bei bekannten Strecken weit weniger aufmerksam sind als bei neuen. Gekoppelt mit Müdigkeit oder hoher Verkehrsdichte kommt es bei unerwarteten Zwischenfällen daher sehr häufig zu Unfällen.

Abstract des Originalartikels unter http://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/20181593 (Ende)

Aussender: pressetext.deutschland
Redakteur: Johannes Pernsteiner
email: pernsteiner@pressetext.com

http://www.pressetext.de/news/100311034/gehirn-besitzt-standby-funktion/

Vom Nutzen der Schwermut

Wednesday, March 10th, 2010

Von Jonah Lehrer

Es gibt eine Menge Umschreibungen für Schwermut. Charles Darwin kannte sie alle. Mal berichtete er von Anfällen, die ihn heimsuchten, mal von Unruhe und Herzrasen, von Atemnot und Kopfweh oder dem hysterischen Weinen, das ihn überkam, wenn seine Frau Emma nicht da war. Über Darwins Gebrechen ist endlos gerätselt worden; die Symptome sind mit allen möglichen Malaisen von Laktoseintoleranz bis zum Morbus Chagas erklärt worden. Doch Darwin selbst sorgte sich am meisten um seine psychische Gesundheit. Er sei an einem von drei Tagen nicht imstande gewesen, überhaupt nur das Geringste zu tun, klagte er. Diese Schwäche, die offenbar in der Familie lag, sah er als bittere Kränkung: “Ich sollte mich wahrscheinlich damit zufriedengeben, die Fortschritte zu bewundern, die andere in der Wissenschaft machen.”

Selten genug lag jemand damit so daneben wie Darwin. Seine Anfälle hinderten ihn nicht daran, Entscheidendes zu leisten. Die Qualen, von denen er schrieb, könnten sogar dazu beigetragen haben. Vielleicht haben sie es ihm erst ermöglicht, sich zurückzuziehen und sich gänzlich auf seine Arbeit zu konzentrieren. “Jedes Leiden verursacht Depressionen, wenn es nur lange genug anhält. Doch es macht auch wachsam gegenüber großem und plötzlichem Übel.” So erklärte sich Darwin den Kummer fort und das Dunkel zur Quelle des Lichts.

Das Rätsel der Depression besteht nicht darin, dass sie existiert. Der Geist kann genauso leicht versagen wie der Körper. Das Paradoxe an der Depression ist ihre weite Verbreitung. Die meisten anderen mentalen Störungen sind selten. Von Schizophrenie beispielsweise ist nur ein Prozent der Bevölkerung betroffen. Depressionen dagegen scheinen so häufig vorzukommen wie Schnupfen. Jahr für Jahr durchleben schätzungsweise sieben Prozent der Bevölkerung ein anhaltendes Stimmungstief, wie es der amerikanische Schriftsteller William Styron in seiner Autobiographie geschildert hat: als “graues Nieseln des Horrors” und als “Sturm der Düsternis”.

Ein Zweck? Aber welcher?

Die Hartnäckigkeit einer Depression und die Tatsache, dass sie eine vererbbare Komponente zu besitzen scheint, stellt Darwins Evolutionstheorie vor eine Herausforderung. Eine erbliche Disposition, die dazu führt, dass Menschen unter anderem jede Freude am Essen, an sozialen Kontakten, an Sex und damit auch an der Fortpflanzung verlieren und stattdessen an Selbstmord denken, hätte sich im Sinne Darwinscher Fitness eigentlich nicht durchsetzen dürfen. So aber stehen wir vor der Frage, war-um der Geist des Menschen so häufig zum Trübsinn neigt, ohne dass ihm das auf den ersten Blick Vorteile schafft.

Eine mögliche Erklärung wäre, dass die Depression doch irgendeinen geheimen Zweck erfüllt; in diesem Fall würden medizinische Eingriffe die Sache nur noch schlimmer machen. Ähnlich wie Fieber dazu dient, einen Infekt zu bekämpfen, könnte die Depression eine belastende, aber insgesamt hilfreiche Reaktion auf traumatische Belastungen sein. Vielleicht hatte Darwin recht: Wir leiden, sogar schrecklich, aber wenigstens nicht vergebens.

Der amerikanische Psychiater Anderson Thomson von der University of Virginia in Charlottesville beschäftigt sich seit mehr als dreißig Jahren mit dem Phänomen der Depression. In seiner privaten Praxis sieht er manchmal Fälle, die aussichtslos scheinen. “Ich kann mich nicht daran gewöhnen. Jeder Patient bringt seine eigene Geschichte mit. Das ist anders als bei den meisten Krankheiten. Wenn man einen Fall von eisenbedingter Blutarmut gesehen hat, kennt man sie alle. Aber an einer Depression leidet jeder aus den verschiedensten Gründen.”

Leiden am Sinnentzug

Vor zehn Jahren begann sich Thomson für das damals relativ neue Fachgebiet der Evolutionspsychologie zu interessieren. Evolutionspsychologen versuchen, die Eigenarten des menschlichen Geistes durch den Mechanismus der natürlichen Auslese zu erklären. Das Gehirn, so lautet die Grundannahme, ist durch die Geschichte seiner Entstehung geprägt. Thomson fand in Paul Andrews von der Virginia Commonwealth University in Richmond einen Mitstreiter, der schon lange der Frage nachgegangen war, warum eine psychische Fehlsteuerung, die solchen Schaden anrichtet, so häufig in Erscheinung treten kann. In den Mittelpunkt ihrer Überlegungen stellten sie einen Prozess, der typisch für diese Krankheit ist: Der Depressive verliert sich in endlosen Grübeleien, er käut ein und denselben Gedanken wieder und wieder.

Der Schriftsteller David Foster Wallace, der ein Leben lang unter Depressionen litt, hat diesen Zustand in einer seiner Kurzgeschichten beschrieben: “Ein solipsistisches, selbstvernichtendes, bodenloses emotionales Vakuum, wie ein Schwamm, der das Ich aufsaugt”. An diesen Grübeleien wirkt nichts tief, sie sind eine einzige, aus der Not geborene Gedankenschleife.

Hinzu kommen kognitive Probleme. Weil sein gesamtes Bewusstsein von existentieller Verzweiflung geprägt wird, ist der Depressive nicht mehr imstande, an etwas anderes zu denken. Seine Gedächtnisleistung nimmt ab, Aufgaben des Alltags kann er nicht mehr bewältigen, er hört auf, sich um andere oder um sich selbst zu kümmern; am Ende ist er nicht einmal imstande, sich die Schnürsenkel zu binden, weil er darin keinen Sinn mehr erkennen kann.

Psychiater haben diesen Grübelzwang lange Zeit nur für schädlich gehalten. Wer sich ausschließlich auf seine Probleme und Fehler fixiert, verschlimmert seine düstere Gemütslage. Das nutzlose Wiederkäuen negativer Gedanken gilt als perfekte Verschwendung mentaler Energie.

Aristoteles’ Erbe

Man kann es aber auch anders sehen. Schmerzhaftes Grübeln ist häufig die Folge eines Schicksalsschlags. Auslöser kann beispielsweise der Verlust des Arbeitsplatzes sein, der Tod des Partners oder eine Scheidung; Charles Darwin sackte in eine besonders schlimme Phase, nachdem seine zehnjährige Tochter Annie an Scharlach gestorben war. Selbstvorwürfe sind in solchen Fällen die Regel: “Ich hätte ein besserer Ehemann sein müssen.” Kontrafaktische Überlegungen werden hin und her gewälzt: “Was wäre gewesen, wenn ich keine Affäre gehabt hätte?” Zukunftsängste machen sich breit: “Was wird mit den Kindern? Kann ich die Alimente zahlen?” Das alles wiederum verstärkt die depressiven Symptome. Deshalb versuchen Therapeuten auch mit allen Mitteln, den gedanklichen Teufelskreis zu durchbrechen.

Thomson und Andrews stellten sich stattdessen die Frage, ob ein paar Monate noch so sinnlos scheinender innerer Monologe nicht am Ende auch ihr Gutes haben können. Vielleicht hilft der von Selbstekel begleitete Trauerprozess, Beziehungsmuster zu überdenken und soziales Verhalten neu zu definieren. “Es schien uns nicht logisch, dass das Gehirn ausgerechnet dann versagt, wenn es am meisten gebraucht wird”, sagt Andrews. “Vielleicht sucht es nur besonders konsequent nach einem Ausweg.”

Der Gedanke, die Depression könne mehr sein als nackte Not, ist nicht neu. Schon Aristoteles war der Ansicht, alle Menschen, die Hervorragendes geleistet hätten, sei es in der Philosophie, in den schönen Künsten oder in der Politik, besäßen einen melancholischen Habitus, der krankhafte Züge annehmen könne. Die Renaissance griff das Thema bereitwillig auf. “Begrüßt die göttliche Melancholie, ihr Antlitz ist so strahlend hell, für Menschenaugen bald zu grell”, dichtete John Milton. Die Generation der Romantiker sah das Leiden vollends als essentielle Voraussetzung für jede Art schöpferischen Daseins: “War-um siehst du nicht, wie notwendig eine Welt voller Pein und Mühe ist, um die Intelligenz zu schulen und eine Seele hervorzubringen?”, beschwor John Keats seine Leser. Robert Burtons “Anatomy of Melancholy” gilt als Höhepunkt der Beschreibung einer Krankheit, die nach Ansicht des Volkes wie der Gelehrten vor allem Mönche befiel.

Eine Neubewertung

Im Zeitalter von Hirnforschung und Pharmakologie stellt sich die Frage neu: Kann man beweisen, dass es hilft, sich den Kopf zu zermartern beim Versuch, elementare Lebensprobleme zu lösen?

Hirnforscher lokalisieren die Fähigkeit, sich intensiv zu konzentrieren, in einer bestimmten Gehirnregion, dem sogenannten ventrolateralen präfrontalen Cortex (VLPFC). Dort, ein paar Zentimeter hinter der Stirn, vermutet man allgemein eine ganze Reihe von kognitiven Fertigkeiten. Bei depressiven Patienten ist diese Region überaktiv. In Intelligenztests schneiden sie zwar schlechter ab als sonst. Das könnte allerdings ebenso damit zusammenhängen, dass ihr Hirn auf ein reales Problem des Lebens fixiert ist und andere, weniger wichtige wie abstrakte Denksportaufgaben beiseiteschiebt.

Die gute Nachricht für Depressive könnte lauten: Sie denken extrem analytisch. Die schlechte Nachricht: Sie denken quälend langsam und fehleranfällig, was einen zum Wahnsinn treiben kann; irgendwann gibt auch der hartnäckigste Cortex auf. Trotzdem glauben Andrews und Thomson: “Wenn es die Depression nicht gäbe, würden wir Lebenskrisen weniger gut meistern.” Anders ausgedrückt: Weisheit ist nicht billig zu haben, und der Preis dafür ist das Leiden.

Als Andrews und Thomson ihre Theorie im vergangenen Sommer in einer ellenlangen Veröffentlichung in der Zeitschrift Psychological Review vorstellten, schwankte die Reaktion der Fachkollegen zwischen Begeisterung und blanker Ablehnung. Der Psychiater Jerome Wakefield von der New York University bezeichnete die Arbeit als “extrem wichtigen Schritt” zur Neubewertung von Depressionen. Andere wollten darin nicht mehr als Spekulation sehen, schlimmstenfalls eine unverantwortliche Rechtfertigung menschlicher Martyrien.

Romantisierung einer Krankheit?

Peter Kramer von der Brown University in Rhodes Island nennt die Theorie vom Nutzen der Depression “eine Leiter mit morschen Sprossen”. Kramer ist Autor des Bestsellers “Listening to Prozac”, in dem er die Fortschritte bei der Entwicklung wirksamer Antidepressiva beschrieben hat. Darin warnt er auch vor einer Romantisierung der Krankheit, die manchmal ähnlich verklärt werde wie die Tuberkulose im späten 19. Jahrhundert. Andrews und Thomson ließen alle Fälle unter den Tisch fallen, die nicht in ihr geschöntes Bild passten, sagt Kramer: “Nichts findet man darin über chronische Depressionen und über Patienten, die sich selbst bis auf den Tod hassen, die ohne jede Hoffnung sind und vollständig gelähmt.”

Forscher wie Randolph Nesse von der University of Michigan in Ann Arbor glauben ebenfalls nicht an ein einheitliches Krankheitsbild der Depression. Sie sei auch nicht mit einem Fieber zu vergleichen, eher schon mit chronischem Schmerz. “Manchmal haben chronische Schmerzen organische Ursachen”, sagt er, “dann kann man sie beseitigen. Aber häufig findet sich gar keine Ursache. Der Schmerz selbst wird zur Krankheit.”

Andrews und Thomson räumen ein, dass es Fälle von schwerster Depression gibt, in denen ihre Theorie nicht weiterhilft. “Manchmal geraten die Symptome außer Kontrolle. Doch das eigentliche Problem ist die Gesellschaft. Sie glaubt, eine Depression müsse unter allen Umständen vermieden und im Ernstfall medikamentös bekämpft werden. Wir haben vielleicht das gesellschaftliche Stigma beseitigt, das eine Depression umgibt. Stattdessen stigmatisieren wir jetzt schon die Traurigkeit.”

Der traurige Blick

Ist die Theorie vom “analytischen Grübeln” ein solides Gebäude oder nur eine schöne Geschichte? Der Sozialpsychologe Joe Forgas von der University of New South Wales in Australien konnte immerhin zeigen, dass Menschen, die traurig oder melancholisch sind, akkuratere Urteile fällen als ihre weniger unglücklichen Zeitgenossen. Er spielte seinen Versuchsteilnehmern Filme vor, die von Krebskrankheit oder Tod handelten, und bat sie anschließend, Gerüchte oder stereotype Vorurteile gegenüber Fremden zu bewerten. Sie schnitten dabei besser ab als Menschen, die gerade fröhlicher Stimmung waren. Trauer, sagt Forgas, fördere informationsverarbeitende Prozesse, die besser geeignet seien, komplexe Sachverhalte zu analysieren.

Forgas hat seine Ergebnisse in einem Feldversuch überprüft. In einem Supermarkt in einem Vorort von Sydney plazierte er neben der Kasse Spielzeugsoldaten, Plastiktiere, Modellautos und anderen Krimskrams. War das Wetter grau und regnerisch, ließ er über Lautsprecher Verdis “Requiem” spielen, um die elegische Stimmung noch zu verstärken. Schien draußen die Sonne, ertönten dagegen Gilbert und Sullivan. Anschließend fragte Forgas die Kunden, wie viele Gegenstände sie bemerkt hätten. Das Resultat war eindeutig: Traurig gestimmte Kunden hatten viermal mehr Gegenstände registriert als die fröhlich pfeifenden.

Je bitterer das Leben empfunden wird, desto realistischer scheinen wir die Welt zu sehen. Und bemühen uns, das besonders exakt zu erfassen. Das könnte auch erklären, warum man immer wieder einen Zusammenhang zwischen Kreativität und depressiver Veranlagung findet. Die Neurowissenschaftlerin Nancy Andreasen hat dazu dreißig Teilnehmer eines Schriftsteller-Workshops an der Iowa University befragt; 24 von ihnen erinnerten sich an Phasen in ihrem Leben, auf die eindeutig die Diagnose einer ausgewachsenen Depression zutraf.

Logik erschöpft

Was könnte dahinterstecken? Andreasen glaubt, die Depression sei an einen “kognitiven Stil” gekoppelt, der erfolgreiches künstlerisches Schaffen ermöglicht. Eine der wichtigsten Eigenschaften kreativer Arbeit sei die Ausdauer, mit der sie betrieben werde. Gute Schriftsteller seien wie Boxer, die immer wieder Rückschläge erlitten, aber nie zu Boden gingen. “Sie feilen so lange an ihren Formulierungen herum, bis sie sitzen. Darunter können sie ernsthaft leiden. Wer immer auf Messers Schneide arbeitet, der blutet auch schon mal.”

Zu ähnlichen Schlussfolgerungen ist Joe Forgas gekommen. Depressive neigen dazu, sich permanent selbst anzuklagen. Sie sehen keinen Fortschritt bei ihren Bemühungen, sondern nur Bestätigung darin, wenn etwas schiefgeht. Üblicherweise geht das mit der Unfähigkeit einher, zu kommunizieren. Depressive scheuen jede Art von sozialem Kontakt. Doch Forgas fand Anzeichen dafür, dass die Ausdrucksfähigkeit in solchen Phasen in Wahrheit zunimmt. Schriftlich äußerten sich Depressive in klareren und überzeugenderen Sätzen. Offenbar poliert die Angst, sich zu blamieren, ihre Wortwahl. Das würde sich immerhin mit einem Aphorismus decken, den der Literaturkritiker Roland Barthes geprägt hat: “Ein kreativer Schreiber ist der, für den Schreiben ein Problem ist.”

Paul Andrews hat auch die umgekehrte Beobachtung gemacht: Studenten, die beim sogenannten Raven-Matrizen-Test logische Zusammenhänge finden sollten, zeigten sich anschließend nicht nur erschöpft, sondern auch in deutlich gedämpfterer Stimmung. Die Konfrontation mit einem schwierigen Problem hatte sie offenbar in eine Art “attentiver Trance” versetzt. Je schärfer gerichtet die Aufmerksamkeit ist, folgert Andrews daraus, desto eher enthält sie auch ein Element der Melancholie.

Die Rolle der Antidepressiva

Für Anderson Thomson hat der evolutionspsychologische Ansatz direkte Auswirkungen auf seine Arbeit als Psychiater. Er verschreibt inzwischen seltener Antidepressiva. Sie störten in vielen Fällen einen echten Heilungsprozess, weil sie verhinderten, dass sich der Patient ernsthaft und lange genug mit seinen Problemen auseinandersetzt. Er schildert das an einem Beispiel aus seiner Praxis: “Einmal kam eine Klientin zu mir und wollte, dass ich ihre Dosis verringere. Ich fragte sie, ob das Medikament wirke, und ich werde nie vergessen, was sie antwortete: ,Doch, es wirkt großartig, und ich fühle mich viel besser. Aber ich bin immer noch mit dem gleichen Drecksack von Alkoholiker verheiratet. Nur dass ich ihn jetzt ertrage.’”

Mit seiner Skepsis gegenüber Antidepressiva steht Anderson Thomson nicht allein. Steven Hollon, Psychologe an der Vanderbilt University in Nashville, Tennessee, hat vor fünf Jahren eine Studie vorgelegt, nach der 76 Prozent einer Gruppe von Patienten, die wegen mittelschwerer Depressionen behandelt wurden, innerhalb eines Jahres einen Rückfall erlebten, wenn sie ihre Medikamente absetzten. Patienten, die sich einer Gesprächstherapie unterzogen, ohne Antidepressiva zu nehmen, wurden nur zu 31 Prozent rückfällig. Und Hollons Daten sind nicht ungewöhnlich; zahlreiche Studien kamen zu ähnlichen Ergebnissen. Thomson fühlt sich bestätigt: “Antidepressiva helfen nur, zu verdrängen. Das endet irgendwann in einer Dauermedikation. Wir behandeln die Patienten, als ob sie lebenslanges Fieber haben.”

Was könnte insgesamt die Lehre aus diesen Beobachtungen sein? Therapeutisch käme es im Zweifelsfall darauf an, den Patienten dahin zu bringen, dass er sein Leiden akzeptiert. Dass er den Grundton der Verzweiflung annimmt und vielleicht sogar begrüßt, weil er den Weg frei macht für ein geändertes, besseres Leben nach der Depression. Eines muss man dennoch einräumen: Dass eine Depression einem Zweck dienen kann, dass Trauer uns möglicherweise schlauer macht, nimmt beidem nicht die Schwärze und den Schrecken. Auch ein Fieber kann hilfreich sein – trotzdem bekämpfen wir es mit Pillen.

Man kann darin ein weiteres Paradox der Evolution sehen: Selbst wenn tiefer Schmerz uns auf Dauer weiterhilft, bleibt die instinktive Flucht vor ihm doch der stärkste Impuls, den wir kennen.

Jonah Lehrer ist Wissenschaftsjournalist und schreibt im Internet den Blog „The Frontal Cortex“.

Deutsch von Jörg Albrecht © 2010 The New York Times

http://www.faz.net/s/Rub268AB64801534CF288DF93BB89F2D797/Doc~EF354B25EFE8242F99F698B175F66C078~ATpl~Ecommon~Scontent.html

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http://clauschristian.baywords.com/2009/09/07/depression-und-skepsis/

Gedankenlesen – Sprechende Augen

Saturday, March 6th, 2010

Manchmal möchte man anderen Menschen am liebsten ins Gehirn gucken, um ihre Gedanken zu ergründen. Doch Forscher haben herausgefunden: Ein Blick in die Augen kann genügen.

Wissenschaftlern aus Deutschland, Australien und den USA ist es nach eigenen Angaben partiell gelungen, durch exakte Augenbeobachtung Gedanken von Menschen zu lesen. Wie die Marburger Philipps-Universität mitteilte, konnten die Forscher durch reflexhafte Veränderungen der Pupille vorhersagen, ob und gegebenenfalls auch welche Entscheidung von Testpersonen getroffen wurden.

“Wer eine Entscheidung trifft, verrät sich durch die Erweiterung seiner Pupillen”, sagte der Marburger Neurophysiker Wolfgang Einhäuser-Treyer. Durch die Pupillenreflexe könnten Gehirnvorgänge ähnlich exakt vorhergesagt werden wie durch weit aufwendigere Untersuchungen eines menschlichen Gehirns in einem Kernspintomographen.

Die Wissenschaftler hätten in einer Versuchsreihe exakt vorhersagen können, wann eine Testperson etwa einen Schalter betätigte. Der Augenreflex habe auch deutlich signalisiert, für welche Zahl aus einer Nummernfolge sich ein Proband entschied. Denn auch hier habe die Pupille auffällig reagiert, wenn die Testperson eine bestimmte Zahl ins Auge gefasst habe.

Die Neurowissenschaftler erklären den Pupillenreflex als Reaktion auf die Ausschüttung des Hormons Noradrenalin im Körper. Noradrenalin steht in Zusammenhang mit Entscheidungsprozessen und Gedächtnisleistungen im Gehirn. Die Forscher veröffentlichten ihre Ergebnisse in der jüngsten Ausgabe der Fachzeitschrift Frontiers in Human Neuroscience.

Kriminalitätsbekämpfung – Stehlen nach Zahlen

Saturday, February 27th, 2010

Mathematik gegen kriminelle Energie: Kalifornische Wissenschaflter versuchen, Einbruchsserien im Voraus zu berechnen.

Von Alexander Stirn

Einbrecher sind ziemlich berechenbar. Waren sie erfolgreich, kehren sie mit hoher Wahrscheinlichkeit an den Ort ihrer Tat zurück – oft steigen sie erneut in dasselbe Haus ein oder zumindest in ein ähnliches Gebäude nebenan. Und sie verschwenden keine Zeit: Nach wenigen Tagen, spätestens aber innerhalb von vier Wochen starten sie den nächsten Bruch. Je weniger sich an den bereits ausgespähten und erfolgreich beklauten Orten verändert, desto besser für die Diebe.

Obwohl Kriminologen solche Verhaltensmuster seit langem kennen, wird das Wissen kaum systematisch genutzt. Das soll sich nun ändern. “Prädiktive Polizeiarbeit” nennt sich eine Strategie, die auf mathematische und statistische Modelle setzt, um schlauer zu sein als die Kriminellen. “Wir wollen dabei nicht einzelne Einbrüche vorhersagen, sondern das sich ändernde Risiko für die einzelnen Stadtteile bestimmen”, sagt Andrea Bertozzi, Mathematikerin an der Universität von Kalifornien in Los Angeles.

Die Forscherin hat zu diesem Zweck mit ihrem Team eine mathematische Methode entwickelt, die aufzeigt, wie und wo sich Verbrechensschwerpunkte entwickeln und wie die Polizei am besten dagegen vorgehen kann. Dazu packten die Forscher alles, was sie über das charakteristische Verhalten von Einbrechern wissen, in ein System sogenannter nichtlinearer Differentialgleichungen. Eine der beiden Gleichungen beschreibt dabei die Attraktivität eines Ortes für Einbrecher. Die Formel berücksichtigt, wie sich die Einbrüche in der Nähe des ursprünglichen Tatorts ausbreiten, wobei die Wahrscheinlichkeit eines Folgeeinbruchs mit zunehmender Entfernung rapide sinkt. Gleichzeitig enthält die Formel die zeitliche Häufung der Taten, ebenfalls mit abnehmender Tendenz. Die zweite Gleichung berücksichtigt die räumliche Mobilität der Einbrecher und ihre Vorbildfunktion für Nachahmungstäter, wobei nicht vernachlässigt wird, dass Einbrecher von Zeit zu Zeit gefasst werden und aus dem System verschwinden.

“Als wir die Gleichungen analysiert haben, sind wir auf zwei unterschiedliche Arten von Verbrechensschwerpunkten gestoßen”, berichtete Bertozzi auf dem Jahrestreffen des amerikanischen Wissenschaftsverbands AAAS in San Diego. Einer zeigt eine eher träge Dynamik und tritt nach einer größeren Zahl lokaler Verbrechen auf. Sie ziehen weitere Einbrüche nach sich, deren Häufigkeit relativ stabil bleibt. Als Bertozzi in den entsprechenden Computersimulationen die Polizeipräsenz verstärkte, löste sich der Schwerpunkt problemlos auf.

Die zweite Art von Hotspot, von den Forschern als superkritisch bezeichnet, hat einen anderen Charakter: Kleine Störungen reichen hierbei aus, um heftige Einbruchswellen entstehen zu lassen. Einmal auf dem Stadtplan aufgetaucht, zittern die Schwerpunkte hin und her, sie können wandern oder ihre Ausmaße verändern. Vor allem aber tauchen sie, wenn die Polizei zu ihrer Bekämpfung losgeschickt wird, an anderer Stelle in gleicher Größe wieder auf.

“Die Polizei erstellt zwar heute schon Karten von Verbrechensschwerpunkten, aber sie hat keine Ahnung, um welche Art von Hotspot es sich jeweils handelt”, sagt Bertozzis Co-Autor Jeffrey Brantingham, Anthropologe an der Universität von Kalifornien. “Um die richtige Strategie zur Bekämpfung solcher Verbrechen wählen zu können, wäre das aber sehr wichtig.” Brantingham ist zudem überzeugt, dass ihr Modell universellen Charakter hat, es also auch für andere Städte und unterschiedliche Verbrechen anwendbar sein müsste.

Übereinstimmung mit realen Hotspots

Die Forscher, die ihre Erkenntnisse in der aktuellen Ausgabe der Fachzeitschrift Proceedings of the National Academy of Sciences veröffentlicht haben, betonen, dass es sich bei ihrem Modell um Grundlagenforschung handelt, und sie lediglich die mathematischen Zusammenhänge ergründen wollen. Reale Verbrechensschwerpunkte lassen sich damit noch nicht vorhersagen. In einer 18 mal 18 Kilometer großen Region im San Fernando Valley nahe Los Angeles hat eine Simulation – gespeist mit realen Werten der Häuserdichte und der allgemeinen Verbrechensrate – allerdings eine gute Übereinstimmung mit der Wirklichkeit gezeigt: Eine Karte mit berechneten Einbrüchen, die Bertozzi in San Diego präsentierte, zeigt die gleichen Häufungen und verbrechensfreien Regionen wie die Karte der tatsächlichen Einbrüche.

Trotzdem sind noch viele zusätzliche Untersuchungen nötig. Die Mathematiker interessiert zum Beispiel, ob sich die aus den Gleichungen abgeleiteten Arten von Verbrechensschwerpunkten in der Realität unterscheiden. Denkbar wäre zum Beispiel, dass Drogenumschlagplätze verschwinden, sobald die Polizei auftaucht, während Autodiebstähle, bei denen sich Verbrecher auf bestimmte Typen spezialisieren, eher superkritischen Charakter haben und schwerer einzugrenzen sind. “Ob das so ist, müssen kontrollierte Versuche in der realen Welt zeigen”, sagt Brantingham.

Doch selbst wenn diese Experimente eine Übereinstimmung mit den mathematischen Modellen zeigen, wird es nicht möglich sein, einzelne Einbrüche vorherzusagen. “Niemand muss Sorge haben, dass die Polizei auf einmal präventiv auftaucht”, sagt George Tita, Kriminologe an der Universität von Kalifornien in Irvine, der ebenfalls an der Berechnung beteiligt war. “Wir können und wollen kein individuelles Verhalten der Verbrecher vorhersagen, sondern lediglich Effekte, die sich im Laufe der Zeit in gewissen Gebieten zeigen.”

(SZ vom 24.02.2010/beu)

http://www.sueddeutsche.de/wissen/889/504105/text/

Umgang mit Wahrscheinlichkeit – Forscher streiten, ob der Mensch überhaupt vernünftig entscheiden kann

Thursday, February 25th, 2010

Risikoanalysen geben immer eine Wahrscheinlichkeit dafür an, dass ein bestimmtes Ereignis eintritt. Ob wir Menschen überhaupt mit solchen „krummen“ Zahlen zurechtkommen, ist umstritten.

Für Gerd Gigerenzer, Direktor des Berliner Harding Center for Risk Literacy, steht das außer Frage. Er sieht das Problem an anderer Stelle: „In den Industrieländern kann fast jeder lesen und schreiben, aber den Umgang mit Risiken und Unsicherheiten in dieser technischen Welt hat fast keiner gelernt.“ Er fordert, dass bereits Grundschüler mit Wahrscheinlichkeiten vertraut gemacht werden. „Geometrie und Trigonometrie sind schöne Teilgebiete der Mathematik, doch nach dem Ende der Schulzeit nützen sie uns weitaus weniger als statistisches Denken“, sagt Gigerenzer. Sonst hätte es kaum so viel Aufregung um die Schweinegrippe gegeben, die zu keiner Zeit mehr Opfer forderte als die saisonale Influenza oder der Straßenverkehr. Er ist überzeugt, dass man den Umgang mit Wahrscheinlichkeiten lernen und vernünftig eigene Entscheidungen treffen kann.

Andere Forscher sind wesentlich skeptischer. Sie argumentieren, dass bei der Entscheidungsfindung zwei Systeme miteinander konkurrieren. Zum einen das instinktive. Es ist automatisiert, schnell und vor allem in Situationen nützlich, die sofort Entschlüsse fordern. Etwa bei der Frage, ob man auf einem vollen Bürgersteig nach links oder rechts ausweicht. Das zweite System basiert auf rationalen Überlegungen und agiert vor allem in ruhigen Momenten. Etwa beim Bewerten von Sparmaßnahmen in einem Unternehmen.

Doch oft setzt sich das erste System durch. Und zwar ohne, dass man es merkt. Das zeigt folgendes Beispiel: Ein Plüschtier und ein Ball kosten zusammen 1 Dollar 10, das Tier einen Dollar mehr als der Ball. Was kostet der Ball allein? In einer großen Studie mit 3500 Universitätsangehörigen in den USA nannte weniger als die Hälfte die richtige Antwort (5 Cent). Die Intuition sagt wohl den meisten, es seien 10 Cent und nur selten ist rationale System – einfach nachrechnen – stark genug. nes

(Erschienen im gedruckten Tagesspiegel vom 25.02.2010)

http://www.tagesspiegel.de/magazin/wissen/Wahrscheinlichkeit;art304,3040612

Tomografie-Analysen – Gefühl für Gerechtigkeit ist im Gehirn verankert

Thursday, February 25th, 2010

Menschen haben ein Grundbedürfnis nach Gerechtigkeit. So lautet eine gängige Hypothese der Sozialwissenschaftler. Neurobiologen haben diese jetzt bestätigt. Mit Tomografientersuchungen konnten sie bestimmte Hirnareale ausfindig machen, die bei ungerechter Behandlung besonders aktiv sind.

“Schon das sehr kleine Kind entwickelt – wahrscheinlich gegen Ende des zweiten Lebensjahres – ein Urbedürfnis nach Gerechtigkeit”, sagt Léon Wurmser. Es sei ein “Gefühl dafür, dass ein Miteinander der Menschen nur möglich ist, wenn eine Art primitive Gerechtigkeit herrscht”, so der weltweit anerkannte Schweizer Psychoanalytiker. Diese gängige Hypothese in den Sozialwissenschaften besagt, dass Menschen das Bedürfnis haben, ungleiche Verteilungen zu reduzieren, da sie sonst einen Gewinn nicht richtig genießen können.

Die Umkehr dessen sieht so aus: Vergeltung entspricht dem archaischen Wunsch, ein subjektiv gestörtes Gleichgewicht wiederherzustellen. Bereits vor einigen Jahren hatten Schweizer Wissenschaftler herausgefunden, dass Bestrafen befriedigt – dabei zeigt vor allem das Striatum, eine Region im Gehirn, eine hohe Aktivität.

Dieses Areal ist aber auch beim Gefühl der Ungerechtigkeit besonders aktiv, haben Forscher aus den USA und Irland nun entdeckt. Die Wissenschaftler um John O’Doherty von der Rutgers Universität in Newark überwachten die Gehirne von 40 Probanden mit Magnetresonanztomografie, während die Freiwilligen um Geld spielten. Wie sie im Fachmagazin ” Nature” berichten, zeigten die Resultate, dass sowohl die Gehirne der Bevorteilten wie auch die der Benachteiligten in bestimmten Regionen eine erhöhte Aktivität aufwiesen – jedoch nur wenn Ungleichheiten vorhanden waren.

Die natürliche Abneigung gegen Ungerechtigkeit sei also tatsächlich im menschlichen Gehirn verankert, folgern die Wissenschaftler. Bisher war jedoch unklar, ob Menschen mit dem Bedürfnis Ungerechtigkeiten zu reduzieren, dabei vor allem um ihr soziales Image bangen, oder ob sie tatsächlich eine Abneigung gegen Ungerechtigkeit haben.

Striatum reagierte auf Ungerechtigkeit zum eigenen Vorteil oder Nachteil

Um das herauszufinden, ließen O’Doherty und seine Kollegen 20 Probandenpaare um Geld spielen und beobachteten währenddessen die Aktivität der Nervenzellen im präfrontalen Cortex und im Striatum – zweier Hirnregionen, die bei der Verarbeitung und Bewertung von Informationen eine wichtige Rolle spielen. Jeder Spielteilnehmer erhielt 30 Dollar Grundkapital. Danach wurden in jeder Gruppe weitere 50 Dollar verlost, so dass einer der beiden Spieler zu Beginn des Experiments “reich” und der andere “arm” war.

Die Forscher beobachteten, dass beide Spieler eigene Gewinne positiv bewerteten. Die Freude über einen Erfolg war für die reichen Probanden aber weniger groß als für die Armen. Spielteilnehmer, die weniger Startkapital erhielten, fielen nur sehr ungern noch weiter hinter ihre Gegner zurück. Sie missgönnten den Reichen Gewinne, auch wenn dieses gewonnene Geld keinen Einfluss auf ihr eigenes Kapital hatte. Umgekehrt schätzten es die reichen Spieler, wenn ihre Gegner ebenfalls gewannen und sich der Abstand zwischen ihren Einnahmen verringerte.

Dieses Muster spiegelte sich auch in der Hirnaktivität der Probanden wider: Die Aktivität in den beobachteten Gehirnregionen armer Spieler war höher, wenn sie selbst Geld erhielten, als wenn die Dollar an ihren Gegenspieler gingen. Bei Personen, die zu Beginn des Spiels viel Geld erhalten hatten, beobachteten die Forscher das umgekehrte Prinzip: Die Hirnaktivität der Reichen war stärker ausgeprägt, falls der Gewinn an den Gegner ging und nicht an sie selbst. Der präfrontale Cortex und das Striatum reagieren demzufolge auf Ungerechtigkeit, egal ob sie zum eigenen Vorteil oder zum eigenen Nachteil ist, erklären die Wissenschaftler.

cib/ddp

© SPIEGEL ONLINE 2010

http://www.spiegel.de/wissenschaft/mensch/0,1518,679931,00.html#ref=rss

Schon Babys durchschauen unehrliche Absichten – Differenzierte Reaktion gelingt bereits mit sechs Monaten

Wednesday, February 17th, 2010

York – Bereits mit sechs Monaten können Babys unterscheiden, ob es andere ernst mit ihnen meinen oder ob sie bloß etwas vorgespielt bekommen. Das berichten Wissenschaftler der Universität York http://www.york.ac.uk in der Fachzeitschrift Infancy. In einem Experiment konnten sie zeigen, dass neun- und sogar sechsmonatige Säuglinge erkennen können, ob Erwachsene Personen ihnen Spielzeuge absichtlich verweigern oder dabei gehindert werden.

Die Psychologen um Heidi Marsh untersuchten dazu 40 Babys im Alter von sechs und neun Monaten. Die Kleinen saßen auf Mamas Schoß an einem Tisch und erhielten von den gegenüber sitzenden Forschern ein Spielzeug entgegengestreckt. Sie erhielten dieses jedoch nicht – teils, da die Forscher ihre Hand demonstrativ zurückzogen, teils da das begehrte Objekt “zufällig” herunterfiel und auf die Tischseite der Forscher zurückrollte. Der erste Versuch stellte eine bewusste Verweigerung dar, der zweite die Unfähigkeit der Weitergabe.

Blickabwenden als Bestrafung

Den Säuglingen beider Altersgruppen gelang es, differenziert auf die Absichten der Forscher zu reagieren. Vermittelten die Erwachsenen ihren Widerwillen, so wandten die Babys beider Altersgruppen ihre Blicke ab, während sie im anderen Fall viel eher die Hände ausstreckten, so als ob sie das Problem verstehen würden und die Hilfestellung des Erwachsenen hervorrufen wollten. Eine wichtige Informationsquelle für die Babys dürfte der Gesichtsausdruck der Forscher gewesen sein, den diese den jeweiligen Absichten anpassten.

Neu ist diese Erkenntnis laut den Forschern insofern, als dass man den Zeitpunkt der Unterscheidungsfähigkeit bisher erst mit neun Monaten angesetzt hatte. “Dass Babys schon mit sechs Monaten so weit sind, wird ersichtlich sobald man nicht nur die Bewegungen, sondern auch andere soziale Ausdrucksformen beobachtet, die bisher außer Acht gelassen wurden”, so die Studienleiterin Marsh. Als derartige altersgerechten Signale werteten die Forscher etwa Müdigkeit, Blickvermeidung, Lächeln oder auch Lautäußerungen.

Eigenständigkeit bestimmt Reaktion

Sichtbar wurde dabei auch die Weiterentwicklung der Eigenständigkeit, die zwischen dem sechsten und neunten Monat geschieht. Sechsmonatige Babys zeigten bei Verweigerung der Erwachsenen negatives emotionales Verhalten wie Stirnrunzeln oder Weinen, bei vorgespieltem guten Willen positive Emotionen. “Die Neunmonatigen zeigen weniger Gefühlsausbrüche, jedoch mehr körperliche Ausdrücke wie aktiven Widerstand, da sie bereits eigenständiger sind”, erklärt Marsh.

Originalartikel unter http://www3.interscience.wiley.com/cgi-bin/fulltext/123236579/PDFSTART (Ende)

Aussender: pressetext.austria
Redakteur: Johannes Pernsteiner
email: pernsteiner@pressetext.com

http://www.pressetext.de/news/100216018/schon-babys-durchschauen-unehrliche-absichten/

Nebenwirkungen von Psychotherapie im Fokus – Formen von Missbrauch durch Therapeuten erstmals untersucht

Friday, February 12th, 2010

Krems – Ein Forscherteam am Department für Psychosoziale Medizin und Psychotherapie der Donau-Universität Krems http://www.donau-uni.ac.at/psymed untersucht mögliche Schäden durch Psychotherapie in einer umfangreichen Studie. “Dass Psychotherapie höchst wirksam ist und Menschen bei der Bewältigung ihrer Probleme hilft, wurde in den vergangenen Jahrzehnten wiederholt bewiesen. Doch was eine Wirkung ausübt, kann auch Nebenwirkungen haben”, sagt Anton Leitner, Leiter des Departments für Psychosoziale Medizin und Psychotherapie an der Donau-Universität Krems.

“Während Nebenwirkungen von Medikamenten genau untersucht und in der Packungsbeilage beschrieben werden, gibt es zu möglichen Schäden durch Psychotherapie noch nicht einmal Definitionen, geschweige denn systematische Forschungen”, so Leitner. Berichte über unterschiedlichste Formen von Missbrauch durch Therapeuten und durch die Therapie hervorgerufene Schäden zeigen jedoch, dass eine fundierte Erforschung von negativen Nebenwirkungen zur Qualitätssicherung in der Psychotherapie nötig ist.

Risikofaktoren und Ursachen lokalisieren

Dieses Dunkelfeld möchte Leitner mit seinem Team systematisch aufarbeiten. Teil des Forschungsprojekts ist eine Online-Befragung, zu der alle eingeladen sind, die in Österreich in psychotherapeutischer Behandlung sind oder waren. Um diese im Vorfeld nicht zu beeinflussen, will Leitner gegenüber pressetext keine Aussagen über die bisher gewonnenen Informationen zu Schäden und Missbrauch treffen.

Ziel der Online-Befragung ist es, Risikofaktoren und Ursachen für schädliche Nebenwirkungen von Psychotherapie ausfindig zu machen und eine Anleitung zu geben, wie ungünstige Therapieprozesse vermieden werden können. Auch in die Psychotherapie-Ausbildung sollen die Ergebnisse der Studie integriert werden. Erste Ergebnisse des innovativen Forschungsprojekts werden anlässlich des Symposiums “Kremser Tage” am 4. und 5. Juni 2010 in der Donau-Universität Krems präsentiert.

Dreisäuliges Forschungskonzept

Das Forschungskonzept, das gemeinsam mit einem internationalen Fachbeirat entworfen wurde, ruht auf mehreren Säulen: Zu Beginn in den Jahren 2007 und 2008 wurden anonymisierte Beschwerdebriefe von Patienten analysiert und Gruppendiskussionen mit erfahrenen Psychotherapeuten geführt. Die Ergebnisse dieser Voruntersuchungen bildeten die Grundlage für einen Fragebogen, der an 1.700 Personen versandt wurde, die innerhalb eines bestimmten Zeitraumes psychotherapeutisch behandelt worden sind.

Mehr als 550 Fragebögen wurden – direkt und anonymisiert – an die Forschungsabteilung des Departments für Psychosoziale Medizin und Psychotherapie zurückgeschickt. Um jetzt Patienten aus ganz Österreich zu erreichen und mehr Datenmaterial zu besonders relevanten Punkten zu gewinnen, wurde im Anschluss ein Online-Fragebogen entwickelt, den bisher mehr als 1.200 Personen ausgefüllt haben. Bis Ende April ist der Fragebogen noch abrufbar unter http://www.donau-uni.ac.at/psymed/fragebogen. Das Ausfüllen des Fragebogens dauert rund 15 Minuten.

Aussender: pressetext Focusthema Pharma
Redakteur: Michael Fiala
email: fiala@pressetext.com

http://www.pressetext.de/news/100211031/nebenwirkungen-von-psychotherapie-im-fokus/

Großzügigkeit für gutherzige Menschen normal – Mandelkern reagiert bei prosozialen Personen automatisch

Saturday, December 26th, 2009

Tokio  – Vor Weihnachten in eine großzügige Stimmung zu kommen, fällt Menschen nicht immer leicht. Anders als bisher angenommen, scheinen großzügige Menschen jedoch nicht einfach nur das Bedürfnis zu unterdrücken, den anderen über den Tisch ziehen zu wollen. Masahiko Haruno von der Tamagawa University http://www.tamagawa.jp/en  hat jetzt nachgewiesen, dass Großzügigkeit oder das Bedürfnis nach Fairness automatisch sind und auf der Aktivierung eines Gehirnbereichs beruhen, der Intuition und Emotion kontrolliert. Details der Untersuchung wurden in Nature Neuroscience http://www.nature.com/neuro  veröffentlicht.

“Automatische” Aversion” gegen Ungerechtigkeit

Neuropsychologen definieren “prosoziale” Menschen als jene, die es vorziehen zu teilen und zwar gerecht. Individualisten definieren sie als jene, die vor allem auf ihren eigenen Vorteil bedacht sind. Eine Theorie geht davon aus, dass der Unterschied zwischen diesen beiden Gruppen darin besteht, dass prosoziale Menschen ihre selbstsüchtigen Tendenzen mit Hilfe ihres präfrontalen Kortex aktiv unterdrücken. Haruno fragte sich jedoch, ob manche Menschen nicht eine “automatische” Aversion” gegen Ungerechtigkeit haben. Er scannte gemeinsam mit Christopher Frith vom University College London http://www.ucl.ac.uk  die Gehirne von 25 prosozialen Menschen und 14 Individualisten. Die Festlegung in diese Gruppen wurde zuvor mit Hilfe eines Standard-Verhaltenstests vorgenommen.

Die Scans wurden durchgeführt, während die Teilnehmer ihre Vorliebe für eine Reihe von Geldverteilungen zwischen ihnen selbst und hypothetischen anderen festlegten. Wie erwartet, bevorzugte die prosoziale Gruppe eine gerechte Aufteilung und die Individualisten eine, bei der sie das meiste Geld bekamen. Weniger vorhersehbar war, dass die einzige Gehirnregion, deren Aktivität sich bei den beiden Gruppen unterschied, der Mandelkern war. Bei prosozialen Menschen erhöhte sich die Aktivität deutlich, wenn sie mit unfairen Geldverteilungen konfrontiert wurden. Je mehr ihnen die Verteilung widerstrebte, desto größer war laut Frith auch die Aktivität.

Der Mandelkern neigt laut dem Wissenschaftler dazu, automatisch zu reagieren, ohne einen Gedanken oder sogar auch ohne Bewusstsein. In Kombination mit der Tatsache, dass es keine unterschiedliche Aktivität im präfrontalen Kortex gab, liegt nahe, dass die Unterdrückungstheorie nicht ausgereift zu sein scheint. Um ihre Annahmen zu überprüfen, wiederholten die Wissenschaftler den Test. Die Teilnehmer wurden ersucht, eine Gedächtnisaufgabe in der gleichen Zeit zu lösen. Es zeigte sich, dass die Gehirne der prosozialen Menschen noch immer auf unfaire Verteilungen reagierten, selbst dann, wenn die Gehirnbereiche, die für abwägende Vorgänge zuständig sind, mit anderen Aufgaben beschäftigt waren. Damit liegt nahe, dass sie keine eigennützigen Bedürfnisse unterdrückten.

Interaktionen während der Kindheit

Carolyn Declerck, eine Neuroökonomin der Universiteit Antwerpen http://www.ua.ac.be , erklärte laut NewScientist, dass diese Ergebnisse mit ihren eigenen noch nicht veröffentlichten übereinstimmen. Prosoziale Menschen scheinen tatsächlich von einem automatischen Moralgefühl angetrieben zu sein. Alle bisherigen Tests und Scans hätten ergeben, dass diese Menschen wirklich instinktiv kooperieren. Haruno will in einem nächsten Schritt erforschen, wie es zu diesem Unterschied der Aktivität des Mandelkerns kommt. Teilweise sei er vermutlich genetisch, teilweise aber auch durch die Umwelt eines Menschen beeinflusst. Dabei spielten vor allem die Interaktionen während der Kindheit eine Rolle. Es sei denkbar, dass diese Aktivität gefördert werden könnte. Damit sollte eines Tages eine prosozialere Gesellschaft möglich werden.

Aussender: pressetext.austria
Redakteur: Michaela Monschein
email: monschein@pressetext.com

 http://www.pressetext.de/news/091222007/grosszuegigkeit-fuer-gutherzige-menschen-normal/