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Entwaffnende Bilder – Zeichentests zeigen, wie unterschiedlich Schimpansen und Menschen denken

Saturday, December 26th, 2009

Von Michael Stang
Dass einige Tiere malen können, wenn man ihnen nur Pinsel und Farbe gibt, ist bekannt. Doch welchen Regeln sie dabei folgen, war bisher weitgehend unklar. Nun hat ein japanischer Forscher das Malverhalten von Schimpansen und Menschenkindern verglichen.

Malende Tiere sorgten schon Anfang des 20. Jahrhunderts in Zoos auf der ganzen Welt für Aufsehen. Elefanten, Gorillas und Schimpansen bekamen Pinsel und Farben in Rüssel und Hand gedrückt und malten wild drauf los. Einige Bilder von Menschenaffen erzielten auf Auktionen sogar Höchstpreise, weil ihnen gewisse künstlerische Fähigkeiten zugesprochen wurden. Tetsuro Matsuzawa wollte es nun genauer wissen. Haben Affen beim Malen tatsächlich eine konkrete Vorstellung von dem, was sie aufs Papier bringen?

“Wenn man Schimpansen einen roten Apfel zeigt, werden sie ihn versuchen nachzumalen und wählen sie rote Farbe? Nein. Sie malen nichts Konkretes und das war die erste wichtige Erkenntnis.”

Der Direktor des Primatenforschungszentrums der Kyoto-Universität konnte bei keinem seiner Schimpansen erkennen, dass sie in der Lage waren, Dinge abzuzeichnen. Um zu sehen, was unsere nächsten lebenden Verwandten beim Malen erkennen und was nicht, gab er seinen Schimpansen im nächsten Versuch deshalb nicht mehr nur Stift und weißes Papier.

“Danach habe ich den Test variiert und den Schimpansen ein Malbuch für Kinder gegeben, mit lustigen Geschichten von Tieren und Menschen. Sie haben jedes Mal nur die für sie wichtigen Informationen markiert, also etwa die einzelnen Personen. Damit konnten wir erstmals sehen, wie die Schimpansen die Welt wahrnehmen und was wichtig für sie ist. Ich war so fasziniert.”

Auch auf weiteren Bildern im Malbuch markierten die Schimpansen stets nur die für sie wichtigen Informationen, etwa bei einer Bauernhofszene. Während eine Katze völlig außer Acht gelassen wurde, kennzeichneten alle deutlich den Hofhund als möglichen Feind, zudem die Haustür samt Türklinke als mögliche Fluchtoption, auch potentielles Futter wurde deutlich eingekreist. Um herauszubekommen, wie es um die Vorstellungskraft der Schimpansen bestellt ist, erschwerte Tetsuro Matsuzawa die Aufgabenstellung. Er legte nicht nur seinen Affen, sondern zum direkten Vergleich auch Kleinkindern verschiedener Altersgruppen daraufhin skizzierte Gesichter vor. Diese waren jedoch nicht vollständig. Entweder fehlte ein Auge, die Nase oder der Mund.

“Wir haben sieben Schimpansen diese Gesichter vorgelegt und alle haben immer nur die Sachen markiert, die vorhanden waren, also Nase oder Ohr. Keiner hat sich für die fehlenden Augen interessiert. Das ist bei menschlichen Kindern bis zu drei Jahren ähnlich. Ältere Kinder jedoch ergänzten allesamt die Augen – einfach weil sie fehlten.”

Damit konnten Masuzawa und seine Kollegen erstmals zeigen, was die Schimpansen beim Malen sehen und denken. Sie hatten zwar die Gesichter zum Teil erkannt, ihnen war aber – im Gegenteil zu den Menschenkindern – nicht bewusst, dass sie unvollständig waren.

“Schimpansen sehen nur das, was vorhanden ist. Sie bemerken nicht, wenn etwas fehlt. Menschen haben diese einzigartige Fähigkeit entwickelt, eine Art Idealbild – in diesem Fall war es das Gesicht – vor Augen zu haben, was sie dann abgleichen können. Dadurch bemerken wir sofort, wenn etwas fehlt. Das können Schimpansen nicht, nur der menschliche Geist ist dazu in der Lage.”

© 2009 Deutschlandradio

http://www.dradio.de/dlf/sendungen/forschak/1092638/

Anpassung führt zum Tod von Kulturen – Gesellschaftlicher Fortschritt braucht innovative Lernstrategien

Saturday, November 28th, 2009


Trägheit wurde der Maya-Hochkultur zum Verhängnis, sagen Forscher (Foto: pixelio.de/Wegmann)

Halifax  – Begnügen sich Menschen einer Gesellschaft mit der Anpassung an ihre Umgebung und entwickeln keine originellen Ideen, werden sie dadurch verletzbar gegenüber Veränderungen der Umwelt. Das behaupten kanadische und US-amerikanische Wissenschaftler in der Zeitschrift Evolution and Human Behavior. Sie untersuchten an Modellen, wie sich mehrere Lernstrategien bei verschiedenen Umweltbedingungen langfristig auswirken. Als Bedrohung für die Existenz ganzer Kulturen stellte sich dabei das soziale Lernen in Form der Anpassung an die Mehrheit heraus. Denn Menschen neigen dazu, ihr Verhalten bei stabil bleibenden Bedingungen von den Umweltanforderungen zu entkoppeln. Kommt dann eine Änderung, kann nicht entsprechend darauf reagiert werden, was zur Katastrophe führt.

Als deutlichsten Beweis für ihr Modell sehen die Forscher den Kollaps der Maya-Kultur um das Jahr 900 n.Chr. Städte wurden damals abrupt verlassen, die Bewässerungssysteme verfielen und Tempelbauten wurden eingestellt. Starke Klimaschwankungen scheinen hier mitgespielt zu haben, denen die Maya laut den Forschern nichts als kulturelle Schwerfälligkeit zu widersetzen hatten. Ähnlich sei es den norwegischen Siedlern in Grönland um das Jahr 1000 ergangen. Sie waren kaum in der Lage, ihre skandinavische Lebensform aufzugeben und sich wie die Inuit der immer rauer werdenden Umwelt anzupassen. Als Grund für den Untergang dieser Kultur vermutet man den Hungertod der Bevölkerung.

Unter den verschiedenen Lernstrategien zeigte sich für das Anpassungsverhalten in einer sich ändernden Umwelt das höchste Risiko für die Gesellschaft, besonders wenn diese wenige Personen umfasst. Andere Lernstrategien schaffen es laut Modell hingegen, Probleme bewältigen oder zumindest abzuschwächen. Eine positive Strategie ist etwa, statt bloßem Nachahmen der Menschen der Umgebung nur erfolgreiche Modelle zu kopieren. “Die Gesellschaften sollten das individuelle Lernen und die Innovation mehr fördern als die kulturelle Anpassung. Vorbilder des sozialen Lernens sollten diejenigen Individuen sein, die selbst mit Änderungen der Umgebung gut zurechtkommen”, so der Studienleiter Hal Whitehead von der kanadischen Dalhousie University http://www.dal.ca .

“Bevor ein solches Modell auf die aktuelle Klimaänderung angewandt wird, sind empirische Erhebungen nötig”, betont Luke Rendell, Verhaltensbiologe und Experte für soziales Lernen an der schottischen Universität St. Andrews http://culture.st-and.ac.uk/solace/  gegenüber pressetext. Allzu große Konformität erkennt er allerdings ebenfalls als Risiko. “Es wird schwierig, die nötigen Änderungen im Verhalten hervorzurufen, wenn die Gesellschaft nicht auf flexiblere Lernmethoden setzt.” Zwar falle die Vorstellung schwer, dass der Mensch so dumm sein könnte, sich bis zur eigenen Auslöschung nachzuahmen. Dahinter sieht der Forscher jedoch die irrtümliche Annahme des Menschen, er sei allmächtig. “Die meisten kümmern sich nur um ihre momentane Lage als Einzelperson und reihen langfristige Überlegungen in der Liste der Dringlichkeiten zurück.”

Aussender: pressetext.austria
Redakteur: Johannes Pernsteiner
email: pernsteiner@pressetext.com

 http://www.pressetext.de/news/090626018/anpassung-fuehrt-zum-tod-von-kulturen/

Warum haben alle Kulturen eine Religion entwickelt? – Verschiedene Erklärungen für den Glauben an Gott

Friday, November 20th, 2009

Nahezu alle Gesellschaften zu allen Zeiten haben Gottesvorstellungen und religiöse Systeme entwickelt. Warum das so ist, beschäftigt nicht mehr länger nur Theologen, Philosophen oder Soziologen. Sondern auch die Naturwissenschaften interessieren sich mittlerweile für das Thema.

Von Ingeborg Breuer

“Soweit man die Geschichte der Menschheit überblickt, kann man sagen, dass Religionen im weitesten Sinn, also auch Ahnen- und Geisterglaube, überall stark ausgeprägt sind. Und diese Universalität wird oft dafür ins Feld gezogen dafür, dass Religion nicht nur ein Kulturprodukt ist, sondern ein Merkmal des Menschen schlechthin sein könnte. Der Mensch als Homo Religiosus.”

Rüdiger Vaas, Wissenschaftsjournalist in Stuttgart, schrieb zusammen mit dem Religionswissenschaftler Michael Blume in diesem Jahr das Buch “Gott, Gene und Gehirn”. Darin stellen sie fest, dass Religion ein zentraler Bestandteil aller menschlichen Kulturen ist. Es gibt nahezu keine religionslose Gesellschaft auf der Welt. Der Soziobiologe Edward O. Wilson hielt die “Anlage für religiösen Glauben” deshalb auch für einen wahrscheinlich “unauslöschliche[n] Teil der menschlichen Natur”.

Doch diese Tatsache beschäftigt nicht länger nur Theologen, Philosophen oder Soziologen. Religion – oder genauer gesagt, Religiosität als Fähigkeit des Menschen, eine Religion zu haben – ist mittlerweile auch zu einem Forschungsfeld für Biologen, Neurologen und Psychologen geworden. Nüchtern fragen sie, was bei religiösen Menschen im Gehirn vorgeht. Fragen danach, welchen irdischen Nutzen Religion haben kann, obwohl sie doch mit all ihren Opfern, Kulten und Ritualen auf den ersten Blick als ein geradezu luxuriöses Unterfangen erscheint.

“Das große Problem ist, dass die meisten Menschen in allen Gesellschaften, die wir kennen, sehr viel Zeit und Geld in ihre religiösen Tätigkeiten investieren. Wenn das ein Luxus ist, dann ist die Frage, ist das ein überflüssiger Luxus und könnte man dieses Geld nicht effektiver woanders hin stecken, nämlich direkt in den Nachwuchs? Und insofern ist es erst mal eine berechtigte naturwissenschaftliche Frage, die Antworten sind noch ziemlich spekulativ.”

Aber gerade weil Religion in allen Gesellschaften mit großem Aufwand zelebriert wird, muss sie, so sagen Evolutionsforscher, von großem biologischen Nutzen sein. Denn, wie es der britische Zoologe Richard Dawkins formulierte, “universelle Merkmale einer biologischen Art erfordern eine Darwinsche Erklärung”; und das heißt, sie bieten einen “Selektionsvorteil”. Hat sich Religion im Verlauf der Evolution also ausgebildet, weil der Homo sapiens damit besser sein Überleben sichern konnte? Der Kölner Zoologe Professor Wolfgang Walkowiak erläutert, worin dieser Überlebensvorteil von Religion liegen könnte:

“Es werden zwei Aspekte oft genannt, der eine ist ein sehr persönlicher Aspekt: Dadurch, dass der Homo sapiens die Fähigkeit gewonnen hat, sehr weit in die Zukunft zu planen, erkennt er, dass sein Leben endlich ist, und das macht fürchterliche Ängste. Und wenn ich eine Möglichkeit finde, die Natur, die Physik zu überwinden durch Metaphysik, kann das sehr hilfreich sein, die eigene Lebensperspektive sehr viel positiver zu sehen. Der zweite Punkt dabei ist der gesellschaftliche Aspekt. Religion basierend auf diesen spirituellen Erfahrungen, hat etwas Bindendes. Es hat für die soziale Gemeinschaft große Vorteile durch Riten, durch das Glauben an ein und dasselbe höhere Wesen, den Zusammenhalt in einer Gesellschaft zu fördern.”

Die “Entzauberung der Welt”, das große aufklärerische Projekt Europas, macht auch vor den letzten Fragen der Metaphysik nicht Halt. Der Glaube an ein übernatürliches Wesen wird buchstäblich “naturalisiert”. In ihrem dieses Jahr erschienenen Buch “Der Darwincode” versuchen etwa die beiden Biologen Sabine Paul und Thomas Junker, den evolutionären Nutzen von Religion zu ergründen. Sie stellen einen Zusammenhang zwischen Kunst und Religion her, da beide sich durch ihren geradezu “verschwenderischen Charakter” auszeichneten. Anders gesagt: Sowohl Kunst als auch Religion erfordern einen großen zeitlichen wie finanziellen Aufwand, um für ihre Ernsthaftigkeit, ihre Ideen und Ziele zu werben. Und sowohl Religion als auch Kunst wirken gemeinschaftsbildend, indem sie kollektive Fantasien, Gefühle und Wünsche bündeln. Professor Thomas Junker, Evolutionsbiologe an der Universität Tübingen:

“Meine persönliche Theorie geht dahin zu sagen, dass Religion eine Art Kunst ist, was Ähnliches wie die Kunst, die aber erst in dem Augenblick entsteht, in dem wir Staatenbildung haben. Und sie erreicht etwas Ähnliches, die Kunst erreicht so eine Art Gemeinschaftsbildung. Wenn man mal in einer Gruppe ein Popkonzert oder auch eine Oper erlebt, weiß man, wie stark gemeinschaftsbildend Kunst ist, Ausdruck ihrer kollektiven Gefühle – und dass Religion dasselbe tun allerdings in sehr stark hierarchisierten Gruppen.”

Thomas Junker lässt keine Zweifel daran, dass er der Kunst den Vorzug vor der Religion gibt. Religiöse Systeme, in deren Zentrum der Glaube an ein höheres Wesen steht, seien, so Junker, vor höchstens 10000 Jahren entstanden, während die ersten Formen der Kunst, zum Beispiel Höhlenmalereien, bereits seit 36000 Jahren vorzufinden sind. Für ihn ein Zeichen, dass Religion erst mit der Entstehung von sesshaften Großverbänden, von Städten und Staaten zum Einsatz kam, um darin mit mehr oder weniger autoritären Mitteln eine Gemeinschaftsbildung zu erzielen. Dagegen sei, so Junker, die Kunst die frühere – und freundlichere – Strategie gewesen, sozialen Zusammenhalt zu stiften. Denn die kleineren Gruppen von Jägern und Sammlern der frühen Steinzeit hätten weniger durch Zwang als durch ästhetische Aufwertung das eigene Sozialgefüge zu stabilisieren versucht.

“Kunst ist freiwilliger, Religion ist zwanghafter. Und es entsteht einfach in dem Augenblick, in dem man einen stark hierarchischen Staat hat. Die Unterschiede zwischen den Herrschenden und den Beherrschten werden so groß, dass es schwer ist, diese kollektiven Wünsche und Gefühle nur auf Freiwilligkeit zu basieren. Und deswegen wird das mit Zwang unterlegt.”

Freilich, so naturwissenschaftlich sich solche Theorien auch geben, so liegt doch viel Spekulation darin. Über, so Junker, “vergleichsweise egalitäre” Jäger- und Sammlerhorden mit Sinn fürs Ästhetische lässt sich trefflich fabulieren ebenso wie über Religion als nachsteinzeitliches Mittel der “Unterwerfung unter die Interessen der Herrschenden”. Archäologische Funde geben keine klaren Auskünfte zu diesen Themen, sodass solche Schlussfolgerungen doch mehr auf Mutmaßungen als auf harten Fakten basieren.

Ein klareres Bild freilich über die naturwissenschaftliche Verankerung von Gottesvorstellungen könnte entstehen, wenn sich nachweisen ließe, dass Religiosität – oder zumindest Spiritualität – sozusagen biochemisch in den Körper eingeschrieben wäre. Denn wenn der Glaube an ein höheres Wesen einen Selektionsvorteil für den Homo sapiens darstellt, müsste diese Fähigkeit zum Glauben ja biologisch verankert sein. Anderenfalls könnte sie nicht vererbt werden. Und so machte vor einigen Jahren ein Buch des amerikanischen Molekularbiologen Dean Hamer Schlagzeilen. Darin behauptete er, eine Art Gottes-Gen gefunden zu haben, eine Genvariation, deren Träger besonders gläubig sind. Doch war dies allzu plakativ – und Hamer räumte letztlich selbst ein, dass komplexe menschliche Eigenschaften wie der Gottesglaube von ganzen Gengruppen gesteuert werde. Gar nicht zu reden von Umwelteinflüssen, die in das komplizierte biochemische Geschehen eingreifen. Rüdiger Vaas, Koautor des Buchs “Gott, Gene und Gehirn”:

“Es scheint Gene für Spiritualität zu geben, das ist eine Art Teilmenge von Religiosität. Das ist etwa zu 50 Prozent erblich: Und es gibt sogar zwei Kandidatengene, die im Hirnstoffwechsel eine Bedeutung haben. Religiosität selbst jedoch scheint nicht erblich verankert zu sein, sondern ein Nebenprodukt von etwas anderem, nämlich Autoritätsgläubigkeit. Und Autoritätsgläubigkeit, das besagen Zwillingsstudien, hat eine Erblichkeit von 50 Prozent, das hat damit zu tun, wie Menschen Ordnung machen und haben wollen.”

Während man also einerseits auf der Suche nach einer – wie auch immer gearteten – Erbsubstanz für religiöse Gefühle ist, arbeitet eine andere Gruppe von Naturwissenschaftlern an der Frage, ob und wo sich solche Gefühle im Gehirn niederschlagen; zum Beispiel, wenn Menschen göttliche Offenbarungen zu vernehmen glauben, oder auch bei den sogenannten Nahtodeserfahrungen: Erfahrungen eines Übertritts zum Beispiel vom Dunkel ins Licht, von denen Menschen berichteten, die am Rand des Todes standen und dann wiederbelebt wurden.

“Bei den außerordentlichen Erlebnissen kann man sagen, dass die auf Fehlfunktionen der Hirnvorgänge basieren. Nahtodeserfahrungen entstehen als Halluzinationen unter Sauerstoffmangel, das kann man auch durch Drogen oder elektrische Stimulationen erzeugen. Oder Offenbarungserlebnisse, die haben oft sehr viel mit Wahnvorstellungen zu tun, wie es bei der Schizophrenie der Fall ist. Menschen hören Stimmen, weil das Gehirn seine eigenen Gedanken nicht mehr als einen Gedanken wahrnimmt, sondern als göttliche Befehle. Und dann gibt es die Schläfenlappenepilepsie, die mit Hyperreligiosität einhergeht, sodass diese Menschen ihr ganzes Leben unter die Religion stellen und unendlich viel schreiben und missionieren.”

Die Untersuchung von sogenannten Schläfenlappen-Persönlichkeiten veranlasste den kalifornischen Neuropsychologen Vilayanur Ramachandran sogar zu dem Schluss, dass es im Gehirn ein Gottes-Modul gebe; ein Religionszentrum also, das bei religiösen Erfahrungen aktiv und bei einigen Epileptikern sogar hyperaktiv werde. Diese These ist jedoch umstritten, ebenso wie die des kanadischen Neurologen Michael Persinger, dass selbst Atheisten bei experimenteller Stimulation dieser Hirnregion tiefreligiöse Erfahrungen gemacht hätten. Und doch ziehen Mediziner in Betracht, dass epileptische Störungen ein Auslöser für religiöse Offenbarungserlebnisse gewesen sein könnten; so beispielsweise bei Mohammed – über den früh schon das Gerücht kursierte, dass er an der Fallsucht litt – und zu dem Allah über einen Engel sprach; oder bei der französischen Nationalheldin Johanna von Orleans, der eine göttliche Stimme befahl, Frankreich von den Engländern zu befreien. Und zur Frage steht auch, ob auch beim Apostel Paulus ein epileptischer Anfall auf dem Weg nach Damaskus die Ursache für seine Bekehrung zum Christentum war.

“Das geht zurück auf viele Beobachtungen, dass man vielen Personen, die man dem Kreis der Epilepsiepatienten zurechnet, in bestimmten Formen erhöhte Religiosität zurechnen kann. Die haben tatsächlich Wahrnehmungen von übernatürlichen Wesen, kurz bevor ein epileptischer Anfall erfolgt, oder kurz danach oder anschließend an solche Episoden. Und das scheint eben bevorzugt aufzutreten, wenn der Fokus der Epilepsie im Temporallappen gelegen ist – und zwar im rechten.”

Doch auch gewöhnliche religiöse Zustände und Erfahrungen, wie sie buddhistische Mönche in der Meditation und christliche Nonnen beim Beten machen, sind bereits neuropsychologisch untersucht worden. Wolfgang Walkowiak, Zoologe an der Universität Köln, weist allerdings darauf hin, dass auch diese Untersuchungen keineswegs zu eindeutigen Schlüssen Anlass geben.

“Es gibt nicht eine Stelle im Gehirn, deren Aktivität verändert wird. Bei den Mönchen wurde im sogenannten Scheitellappen festgestellt, dass Aktivität heruntergefahren wird. Während die Meditation der Franziskanerinnen zu ganz anderen Ergebnissen geführt hat: Dort wurde Aktivität im Stirnlappen an einer bestimmten Stelle erhöht gefunden. Also man sieht, dass je nachdem von welcher Seite sozusagen man da herangeht, man ganz unterschiedliche Aspekte findet.”

Vieles ist also nach wie vor unklar. Doch natürlich gehen die Forschungen weiter. Denn gerade die Erkundung des menschlichen Gehirns boomt; vermag man doch mittels neuer bildgebender Technologien eine immer differenziertere “Landkarte des Gehirns” zu erstellen. Im Rahmen dieses Booms wird auch die Zahl der Studien, die sich mit dem Sitz religiöser Empfindungen befassen, ständig größer. Rüdiger Vaas, der gerade eine Titelgeschichte zur Neurotheologie in “Bild der Wissenschaft” verfasste, berichtet über zwei neue amerikanische Studien zum Thema:

“Es gibt ganz aktuell einige Hirnscanexperimente, und die haben gezeigt, die Gehirne normaler religiöser Menschen arbeiten nicht wesentlich anders, als die Gehirne nicht religiöser Menschen. Aber es hat sich gezeigt, dass bei religiösen Aussagen im Gegensatz zu anderen Aussagen Hirnregionen aktiviert werden, die mit Emotionen zu tun haben, und zwar egal, ob diese Aussagen geglaubt werden oder ob sie zurückgewiesen werden. Eine andere Studie hat gezeigt, dass im religiösen Kontext genau jene neuronalen Verarbeitungswege aktiv sind, die im normalen zwischenmenschlichen Bereich bei der emotionalen Verarbeitung und bei dem abstrakten Denken und Vorstellungsvermögen sowie bei der Kommunikation wirken. Das heißt, gewöhnliche Absichten und Emotionen werden einfach auf übernatürliche Wesen projiziert.”

Doch was soll man aus alledem schließen? Wenn alle Erfahrung im Gehirn verarbeitet wird, überrascht es nicht, dass dort auch religiöse Erfahrung repräsentiert ist. Und dann stellt sich die Frage: Ist Gott deshalb nur ein Hirngespinst? Oder hat das Gehirn am Ende eine Antenne ins Übersinnliche?

Es wird keine Antwort auf diese Frage geben. Denn, wie der Theologe und Biologe Ulrich Lüke einmal bemerkte, seien Experimente der Hirnforschung auf der Suche nach Gott ungefähr so sinnvoll wie das Zerlegen eines Fernsehgerätes auf der Suche nach Ulrich Wickert.

“Die entscheidende Frage ist letztlich: Ist Gott ein Hirngespinst oder gibt es eine Hotline zum Himmel? Und das ist eine Frage, die die Hirnforschung oder die Biologie im Allgemeinen nicht abschließend beantworten kann. Sie kann Gott weder beweisen noch widerlegen, sondern das ist eine philosophische Frage.”

© 2009 Deutschlandradio

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Zum Thema:

„Der Glaube ist vielleicht der tollste Trick der Evolution“

Reine Glaubenssache – Forschung lebt von der Kontroverse…

Saturday, November 14th, 2009

…doch in Zeiten der Schweinegrippe verlangt der Mensch nach Gewissheit. Experten sind die neuen Priester der Gesundheitsreligion.

VON HANS-JOACHIM NEUBAUER

So viel Wissen, so wenig Erkenntnis! Das H1N1-Virus rast um den Erdball, und in Deutschland grübeln seine möglichen Wirte, ob sie sich impfen lassen sollen. Dabei könnte es so einfach sein, sich zu entscheiden. Noch nie in der Geschichte der Menschheit waren so viele Kenntnisse so zugänglich wie heute. Und es werden immer mehr. An der University of California in Berkeley haben Forscher berechnet, dass die Informationsmenge zwischen 1999 und 2002 um linear 30 Prozent jährlich zunahm. Andere Studien berichten von einem exponentiellen Wachstum. Demnach verdoppelt sich, was die Menschheit weiß, alle 15, zehn oder gar fünf Jahre – nur Viren sind schneller. Doch inzwischen weiß man auch da schon etwas mehr: Außer in Boom-Disziplinen wie der Genetik, der Astrophysik oder den Nanowissenschaften stößt die Geschwindigkeit, mit der das Wissen weiterwuchert, an Grenzen. Trotzdem wird immer schneller immer mehr gewusst – von wem und wozu auch immer.

Das macht es nicht leichter, den Informationshaufen auch zu nutzen – zum Beispiel, um sich zu entscheiden für eine Impfung. Oder doch dagegen. Was also tun?, werden die Wissenschaftler gefragt. Und so treten sie in ihrer Rolle als Experten, also Erprobte, vor die Kameras und Mikrofone und sagen, was zu tun sei – streng auf Basis neuester Schweinegrippe-Zahlen und Pandemie-Fakten. Neuinfektionen, Krankheitsverläufe, Tote, Impfschäden – Was immer sich ermitteln lässt, wird im Rahmen statistischer Modelle aufeinander bezogen; am Ende steht ein Ratschlag. Oder auch mehrere: impfen lassen, um die Krankheit zu überleben, nicht impfen lassen und doch überleben, abwarten und dann impfen lassen. Der Wissenschaft wird ein religiöser Status zugesprochen. Die Aussagen widersprechen einander, aber das Publikum will den Heilslehren glauben.

Die Klage über mangelnden Durchblick ist alt. „Die wissenswürdigen Dinge häufen sich zu unseren Zeiten. Bald wird unsere Fähigkeit zu schwach und unsere Lebenszeit zu kurz sein, nur den nützlichsten Teil daraus zu fassen“, klagt Immanuel Kant bereits 1762. Frustriert fährt er fort: „Es bieten sich Reichtümer im Überflusse dar, welche einzunehmen wir manchen unnützen Plunder wieder wegwerfen müssen. Es wäre besser gewesen, sich niemals damit zu belästigen.“ Als Sonde in die Welt des Wissens erfanden Aufklärer wie Kant Besucher von fremden Planeten, um durch deren Augen das Eigene als Fremdes zu erkennen. Angenommen, einer dieser Gäste käme zurück und lauschte den aktuellen viralen Diskussionen, er könnte über die Öffentlichkeit, in der und mit der heute debattiert wird, nur staunen.

Seltsam kämen dem klugen, aufgeklärten Alien wohl die Widersprüche vor, die das wissenschaftliche Reden der Gegenwart durchziehen. Als erstes Dilemma fiele ihm gewiss der Gegensatz zwischen Qualität und Quantität auf: Mehr Wissen erzeugt mehr Unwissen. Kenntnisse bedeuten noch keine Erkenntnis.

Unnützer Plunder
Darüber kann auch eine immer wissenschaftlichere Sprache nicht hinwegtäuschen. Wer seine Stellung in der Welt und sein Verhältnis zu den anderen beschreibt, greift zu Begriffen und Modellen aus der Physik, der Biologie oder der Soziologie. Schon Kinder kennen Schwarze Löcher und den Urknall, fast jeder weiß oder glaubt zu wissen, wie eine Doppelhelix aussieht, die thermodynamischen Gesetze bestimmen das Leben, und die interaktiv vernetzte Jugend kommuniziert radikal medial. Wo früher Gott, Schicksal oder Zufall walteten, machen sich heute Gene und Viren breit, und bei vielen ersetzt das Gehirn die Seele als Ort des Selbst.

Doch wo alles immer objektiver und technischer wird, entsteht eine neue, auch von Skeptikern kaum mehr zu hinterfragende Macht: die Autorität der Wissenschaften. Verkörpert wird sie vom sozialen Typus des Experten. Ein Heer von Fachleuten und Spezialisten soll den Fortschritt der Erkenntnis vorantreiben und das Wissen mehren. Dass sie darauf trainiert sind, Lösungen zu präsentieren, könnte der hellsichtige Alien für ziemlich paradox halten. Denn jede Lösung gebiert bekanntlich neue Probleme. Wäre es da nicht klüger, so könnte er vermuten, gar keine Fragen zu stellen, um von Kants „unnützem Plunder“ verschont zu bleiben?

Hubert Markl, der frühere Präsident der Max-Planck-Gesellschaft und der Deutschen Forschungsgemeinschaft, beschrieb das Wissen einmal als eine sich ausdehnende Kugel, die im Universum des Nichtwissens schwebt. An der anwachsenden Oberfläche entstehen immer mehr Punkte des Kontakts mit dem Nichtwissen. Könnte es sein, so die pessimistische Deutung dieses Bildes durch den Philosophen Jürgen Mittelstraß, dass die Forschung mehr Nichtwissen als Wissen produziert?

Vielleicht hat Mittelstraß mit seiner zweiten Interpretation recht. Demnach steht nicht der Radius der Markl-Kugel für das Wissen, sondern ihr Volumen. „Wenn die Kugel wächst, dann wächst ihr Volumen schneller als ihre Oberfläche, nämlich mit der dritten Potenz des Radius“, schreibt Mittelstraß. „In diesem Falle produzierte die Forschung zwar ebenfalls immer mehr Nichtwissen, aber das Wissen wüchse trotzdem schneller als das Nichtwissen.“ Welcher Deutung man auch folgen mag: Wenn das Wissen, wie Leonardo da Vinci meinte, das Kind der Erfahrung ist, ist das Unwissen ihr Enkel.

Das gilt umso mehr im Echoraum der Medien. Während die Experten ihre dem Nichtwissen abgetrotzten Kenntnisse vorstellen, verunsichern ihre unterschiedlichen Handlungsanleitungen die Adressaten. Je mehr Meinungen, Gegenmeinungen und Gegen-Gegenmeinungen kursieren, desto größer die Ratlosigkeit. Jede neue Viren-Information, jeder Seuchen-Tipp, jede Anweisung zum richtigen Impf- Handeln verstärkt die einander überlagernden Echos. Es kommt zu dem, was die Experten ziemlich physikalisch als „informationelles Rauschen“ beschreiben: zu viele Kenntnisse, zu wenig Orientierung.

Als Kind der Kant-Zeit würde der Gast aus dem All zum Zweiten wohl über die Mittel staunen, mit denen die Politiker dieses Rauschens Herr zu werden versuchen. Statt mit despotischer Gewalt oder qua monarchischer Autorität regieren sie mit objektiv scheinender Rationalität. Eine Prognose-Industrie aus Beratern, „Weisen“ und anderen Experten umlagert und verdoppelt den Raum des Politischen. Demoskopen erforschen den Wählerwillen, Klimaforscher begründen den Energiemix, Ökonomen schätzen das Wachstum, und Ethikräte halten das Ganze auf Tugendkurs. „Wer neben den Wissenschaften noch andere Ergötzungen sucht“, notierte schon Lessing, „muss die wahre Süßigkeit derselben noch nicht geschmeckt haben.“ Ein ganzes Gemeinwesen, das sich diesen Freuden ergibt, ein Staat, in dem Vernunft statt Willkür waltet, eine Welt, in der Neugier als Tugend gilt und nicht als Laster – sah so nicht das Utopia der Aufklärer aus?

Ja und nein. Denn tatsächlich verkünden die Propheten der Postmoderne ihre Ratschlüsse so, wie es von ihnen erwartet wird – als Wahrheiten. Sie gleichen dem Wagner aus Goethes erstem Faust, der im Schlafrock bekennt: „Zwar weiß ich viel, doch möcht’ ich alles wissen.“ Aber wer wirklich alles wissen will, sucht mehr als die blanke Information.

Karl Popper glaubte noch, dass die Wissenschaft Hypothesen entwickeln sollte, um sie durch Forschungen zu widerlegen. In der medial zugerichteten Expertenwissenskultur dieser Tage fände er damit wohl kaum Gehör. „Unter dem Etikett der Wahrheit lässt sich jede These besser verkaufen“, sagt Luca Giuliani, der Direktor des Berliner Wissenschaftskollegs: „Es ist schwer, einen Zweifel so zu vermitteln, dass es spannend wird. Die Wahrheit ist immer ein strahlendes Angebot.“ Gebannt hängen die Bürger der Bildungsrepublik an den vor Wahrheit strahlenden Lippen der Experten.

Werden die Forscher durch die Erwartungen des Publikums nicht überfordert? „Nicht die Wissenschaft ist durch Entscheidungen überfordert, sondern die Öffentlichkeit“, glaubt Giuliani. „Ein entscheidendes Kriterium für Wissenschaft besteht darin, scharf zu unterscheiden zwischen Fragen, die man beantworten kann, und Fragen, die man nicht beantworten kann: Über Letztere muss man dann eben streiten – dazu ist Politik da.“ Auch die objektivste Wissenschaft kann sie davon nicht entbinden.

Im Prognose-Zirkus
Mehr Wissen schafft Unwissen, und Wissenschaftler sind weder Propheten noch Politiker. Eine weitere, dritte Beobachtung dürfte den Reisenden aus dem Weltall besonders beschäftigen – die Unfähigkeit all der Wissenschaftler und Experten, sich zum Vorläufigen ihres Wissens zu bekennen. Bekanntlich verfällt Wissen; Forscher stellen Hypothesen auf, damit sie von späteren, jüngeren oder besseren Kollegen überholt werden. Die Zeit der großen Thesen, mit denen boomende Wissenschaften noch vor 20 Jahren ihr Prestige behaupteten, ist vorüber. Doch der mediale Prognose-Zirkus fordert, Hypothesen in griffige Thesen zu übersetzen. Tu dies, vermeide das, lass dich impfen oder lass es sein. So reden alle ohne Unterlass. Am Ende ergeht der gute Rat, sich oft die Hände zu waschen.

Vielleicht, so könnte der aufgeklärte Alien denken, bevor er die Heimreise anträte, wäre es ja am besten, wenn die, die so viel wissen müssen, einmal zugäben, dass gerade sie nicht wirklich weiterwissen. Dann könnten die anderen aus all den Kenntnissen ihre Erkenntnisse ziehen; sie könnten selber herausfinden, ob sie sich impfen lassen. „Wenn ein Virologe sagt: Entscheiden Sie das aus dem Bauch heraus, fühlte man sich wohl auf den Arm genommen“, merkt Luca Giuliani an, „dabei könnte das durchaus ein wissenschaftlich ehrlicher Ratschlag sein.“

© Rheinischer Merkur Nr. 46, 12.11.2009

http://www.merkur.de/38436.0.html

Tanzgenuss messen – Hirnforscher suchen neurologische Grundlagen der Ästhetik

Thursday, November 12th, 2009

Von Remko Kragt
Hirnforscher suchen inzwischen nach den neurologischen Grundlagen der Ästhetik. Auf dem Symposium “Tanz und Kognition” diskutieren Experten in Bielefeld neueste Ergebnisse der psychologischen und biologischen Tanzforschung.

Aufführung eines Tanzes aus Indien. Die Tänzerin führt eine lange Folge genau einstudierter Bewegungen aus. Ihre Hände erzählen Geschichten. Wer die Symbolsprache erlernt hat, kann sie verstehen. Aber das Verstehen allein erklärt nicht die Faszination, die viele Zuschauer ergreift. Einem Tanz zuzuschauen ist ein Erlebnis, das auch diejenigen bereichern kann, die die Symbolik nicht verstehen. Schon die Wahrnehmung der bloßen Bewegungen bewegt auch das Publikum. Aber wie? Patrick Haggard beschäftigt sich an der Universität London mit der Frage, welche Tanzbewegungen Menschen besonders ansprechen. Dazu zerlegte er Videoaufnahmen einer Aufführung eines modernen Balletts von William Forsythe in kleinste, kaum wahrnehmbare Sequenzen. Seinen Probanden führt er jeweils eher ruhige und eher dynamische Ballettszenen vor. Ihre Aufgabe war, zu vergleichen, welche der vorgeführten Sequenzen ihnen eher gefiel. Sein verwirrendes Fazit:

“Wir haben herausgefunden, dass Menschen dazu neigen, Tanzszenen zu mögen, in denen sich wenige Tänzer ruhig und gleichmäßig bewegen. Aber sie neigen auch dazu, ganz andere Stile zu mögen – energische, dynamische Teile des Stücks, in dem alle Tänzer sich schnell und in verschiedene Richtungen bewegen. Es gibt also nicht die eine schöne Tanzbewegung, sondern man könnte von multiplen ästhetischen Registern sprechen.”

Warum das so ist, kann Haggard allerdings nicht erklären. Es gehe um ganz persönliche Erlebnisse. Die aber, haben alle ihre biochemische Entsprechung im Gehirn, sagen Biologen . Das müsste der Schlüssel zur objektiven Messung von Emotionen sein, meint Bettina Bläsig, die an der Universität Bielefeld forscht.

“Wenn ich etwas sehe, das ich schön finde, kann ich mich als Wissenschaftlerin fragen, ohne dass meine Erlebnisqualität dadurch eingeschränkt wird, warum finde ich das schön? Was passiert zum Beispiel im Gehirn, wenn ich eine Bewegung besonders schön, besonders ästhetisch finde, wenn sie mich emotional anspricht?”

Corinne Jola etwa misst an der Universität Glasgow, welche Ströme im Gehirn fließen, wenn Menschen Tanzbewegungen sehen. Tatsächlich konnte sie feststellen, dass bestimmte Hirnareale von Tanzbewegungen unterschiedlich angeregt werden. Aber auch dabei tun sich Interpretationsprobleme auf. Corinne Jola:

“Wir können die Hirnaktivierung, die wir kriegen, nur interpretieren mit unserem eigenen Verständnis von Stimuli. Also wenn ich einen Tanz, eine Bewegung sehe und eine gewisse Hirnaktivität habe, dann kann ich vom vorherigen Wissen, von anderen Forschern interpretieren, was die Hirnaktivierung eigentlich bedeutet.”

Die Tatsache, dass bestimmte Hirnareale bei der Beobachtung von Bewegungen angeregt werden, sagt eben noch nichts darüber aus, warum sie angeregt werden. Die Frage bleibt, was sich biochemisch im Gehirn abspielt, wenn Menschen zwischen schönen und weniger schönen oder gekonnten Bewegungsabläufen unterscheiden. Dieses zu klären haben sich zwei Forscher an der Universität Bielefeld vorgenommen. Sie statteten dazu Tänzer und Tänzerinnen mit zahlreichen reflektierenden Bällen aus, deren Bewegungen sie als Punkte aufnahmen. Die grafische Analyse der Bewegungmuster zeigte, dass etwa Drehbewegungen einer Pirouette keineswegs gleichmäßig, sondern ruckartig verlaufen. Auf die Verteilung dieser Ruckimpulse im Bewegungsablauf komme es an, vermuteten sie.

Erneut wurden die Ergebnisse durchgerechnet und grafisch aufgearbeitet. Dabei zeiget sich: Fasst man die aufgezeichneten Bewegungen in Grafiken zusammen, dann zeigen sich mehr oder weniger geschlossenen geometrische Figuren. Und die Gestalt dieser Figuren war offensichtlich nicht zufällig verteilt. Die Pirouetten geübter Tänzer und Tänzerinnen erzeugten saubere Kubusformen in der grafischen Aufbereitung. Die grafische Ableitung der Bewegungen der ungeübten Tänzer dagegen waren zerfasert und wolkig. Die Wissenschaftler glauben deshalb: Es ist möglich, das, was wir als angenehm empfinden, auch mathematisch nachzuweisen.

© 2009 Deutschlandradio
http://www.dradio.de/dlf/sendungen/forschak/1068750/

Mamas Melodie

Sunday, November 8th, 2009

Schon Neugeborene schreien je nach Muttersprache ganz verschieden.  Sprachentwicklungsforscher lauschen fasziniert.
Von Adelheid Müller-Lissner

Wenn Babys länger schreien, reagieren Erwachsene leicht genervt. Doch Säuglinge produzieren feine Klangbögen und zarte Melodien, die das Elternherz schon deshalb erfreuen sollten, weil sie Vorboten späterer sprachlicher Äußerungen sind. Was eine Gruppe von Wissenschaftlerinnen aus Würzburg, Leipzig und Paris dazu in der Online-Ausgabe der Zeitschrift „Current Biology“ veröffentlicht hat, ist sensationell: Schon in den allerersten Lebenstagen schreien deutsche und französische Babys unterschiedlich.

Während die 30 untersuchten Kinder, die in der Pariser Maternité Port-Royal auf die Welt kamen, schon mit zwei bis fünf Lebenstagen melodische Bögen mit ansteigender Tonhöhe bevorzugten, fiel die Tonhöhe der 30 Neugeborenen, deren Schreie im Rahmen der Deutschen Sprachentwicklungsstudie mit aufwendiger Digitaltechnik aufgenommen wurden, gegen Ende typischerweise ab. Die Neugeborenen produzierten damit Tonbögen, die denen ihrer jeweiligen Muttersprache entsprechen. Das tun sie nicht nur Monate, bevor sie in der Lage sind, einen einzigen Laut dieser Sprache zu artikulieren – sie tun es sogar, bevor sie Zeit hatten, sich nach der Geburt in ihrem sozialen Umfeld umzuhören.

Wann haben sie es gelernt? Schon länger weiß man, dass menschliche Föten im letzten Drittel der Schwangerschaft die Stimme der Mutter und Stimmen und Geräusche der Umgebung hören und dass sie sich später an sie erinnern können. Nach der Geburt reagieren sie ganz besonders auf die Stimme ihrer Mutter und auf den vertrauten Klang der Muttersprache. „Wir konnten belegen, dass Babys das schon ganz früh in eigene Lautproduktion umsetzen“, erläutert Kathleen Wermke von der Uni Würzburg, zusammen mit ihrer Mitarbeiterin Birgit Mampe eine der Autorinnen der Studie.

Bisher sei man davon ausgegangen, dass erste Ansätze zur Imitation der Muttersprache rein biologisch erst ab einem Alter von drei Monaten möglich sind. Um die Umrisse einer Melodie imitieren zu können, ist jedoch nicht Artikulationsfähigkeit, sondern nur ein Zusammenspiel von Atmung und Kehlkopf nötig. Für Wermke ist die Neuentdeckung ein kleiner, aber bedeutsamer Puzzlestein in einem ehrgeizigen Forschungszweig, zu dem die von der Deutschen Forschungsgemeinschaft geförderte Deutsche Sprachentwicklungsstudie entscheidende Beiträge geleistet hat. „Wir wissen nun, dass Spracherwerb nicht erst mit dem Brabbeln und Lallen beginnt, sondern den ersten Babyschreien und ihrer Melodie.“

Dass Koautorin Angela Friederici, Direktorin am Leipziger Max-Planck-Institut für Kognitions- und Neurowissenschaften, gute Kontakte zu Anne Christophe vom Laboratoire de Sciences Cognitives et Psycholinguistique der Ecole Normale Supérieure in Paris hatte, erwies sich dabei als Glücksfall. Konnte man doch dadurch Neubürger zweier Nachbarländer vergleichen, in deren Sprachen die Sätze ganz unterschiedliche Melodiebögen aufweisen. Mit kleinen Engländern oder Amerikanern wäre das sinnlos gewesen, weil im Englischen wie im Deutschen die Stimme gegen Ende eines Satzes meist nach unten geht.

Wermke findet es spannend, den melodischen Eigenschaften der frühen akustischen Signale zu lauschen. „Die Komplexität der Schreimelodie kann uns bald vielleicht schon Hinweise auf den Verlauf der weiteren Sprachentwicklung geben.“ Jetzt soll genauer unter die Lupe genommen werden, wie die Melodiebögen der ersten Tage und Wochen mit der weiteren Sprachentwicklung zusammenhängen. Kein Zweifel: In den Ohren von Sprachentwicklungsforschern sind Babyschreie Musik.

Sie plädieren aber keineswegs dafür, dass Eltern ihre Kinder möglichst lange brüllen lassen sollten, damit sie Gelegenheit bekommen, an ihrer Sprachmelodie zu feilen. „Im Gegenteil: Wenn ein Baby lange und laut schreit, nimmt die Melodik ab.“ Für verfehlt hält Wermke auch den Schluss, man könne mit gezielten Übungen im letzten Drittel der Schwangerschaft besonders sprachbegabte oder gar zweisprachige Kinder erzeugen. Sie möchte auch nicht die Befürchtung aufkommen lassen, aus anderen Ländern adoptierte Babys hätten sprachliche Startschwierigkeiten, weil sie in der Gebärmutter eine andere Sprache gelernt hätten als die der Familie, in der sie später aufwachsen. „Jedes Kind kann jede beliebige Sprache der Welt lernen!“ Toll sei doch vor allem, wie früh Menschen vorgeburtliche Hörerfahrungen gleich nach der Geburt in die eigene Lautproduktion umsetzen können. Nun interessieren sich die Forscherinnen dafür, wie diese Entwicklung bei hörbehinderten Babys abläuft.

(Erschienen im gedruckten Tagesspiegel vom 06.11.2009)

http://www.tagesspiegel.de/magazin/wissen/Sprachentwicklung-MPI-Leipzig;art304,2942276

Forschungsskandal – Kein Doktortitel für zweifelhaften Physiker

Saturday, October 31st, 2009

Auch nach Jahren ringen die Universität Konstanz und der Physiker Jan Hendrik Schön um die Konsequenzen aus einem der größten Forschungsskandale in der Geschichte der Physik.

Wie die Universität am Mittwoch mitteilte, hat sie einen Widerspruch des Physikers gegen den Entzug seines Doktortitels zurückgewiesen. Zuvor hatte sie seinen Protest nicht weniger als fünf Jahre geprüft. Schön hatte 1997 in Konstanz seine Doktorarbeit geschrieben. Später arbeitete er bei den Bell-Labors in den USA. Er war wegen seiner spektakulären Ergebnisse bereits als Kandidat für den Nobelpreis gehandelt worden, bevor Bell 2002 zahlreiche ebenso spektakuläre Fälschungen enthüllte.

2004 entzog die Universität Konstanz Schön den Doktortitel. Dabei stellte sie die Redlichkeit der Doktorarbeit nicht infrage, sondern stützte sich auf einen Passus im Universitätsgesetz, nach dem der Titel entzogen werden kann, „wenn sich der Inhaber durch sein späteres Verhalten der Führung des Grades als unwürdig erwiesen hat“. Hierzu führte die Universität Schöns Fehlverhalten als Forscher in den USA an. An dieser Einschätzung hielt der Promotionsausschuss im Widerspruchsverfahren fest. fvb

(Erschienen im gedruckten Tagesspiegel vom 30.10.2009)

http://www.tagesspiegel.de/magazin/wissen/Forschungsskandal;art304,2936103

Spieltheorie – Hellsehen mit Mathematik

Tuesday, October 27th, 2009

Baut Iran die Bombe? Die Spieltheorie sucht nach Antworten – mit beachtlicher Trefferquote.
Von Daniel Etter

Bruce Bueno de Mesquita kann die Zukunft vorhersagen. Ziemlich genau sogar. Er ist kein Kartenleger oder Handleser, sondern Politikwissenschaftler an der New York University. Alles, was er für seine Prognosen benötigt, ist ein bisschen Mathematik.

Seine Präzision ist beeindruckend. Da ist etwa diese Episode in den 80er Jahren. Geistiger Führer des Iran war Chomeini. Bereits fünf Jahre vor dessen Tod sagte Bueno de Mesquita voraus, dass Ali Chamenei sein Nachfolger werden würde. So kam es. 2008 hat Bueno de Mesquita prophezeit, wann der pakistanische Präsident Pervez Musharraf zurücktritt. Er lag auf den Monat genau richtig.

Dabei ist Bueno de Mesquita kein Experte für Außenpolitik. Seine Prognosen beruhen auf Zahlenspielen, genauer, auf der Spieltheorie. Das ist angewandte Mathematik, die sich damit beschäftigt, was passiert, wenn Menschen versuchen, eigene Interessen in Konkurrenz zu anderen durchzusetzen.

Mit der Spieltheorie lassen sich auch alltägliche Phänomene beschreiben. Etwa, warum Banken in Innenstädten oft direkt nebeneinander liegen. Dafür muss man davon ausgehen, dass bei der Wahl der Bank vor allem die Entfernung entscheidend ist. Nehmen wir also eine Einkaufsstraße und zwei Banken. Würden sie ihre Filialen an den Enden der Straße eröffnen, würden sie sich die Neukunden auf der Einkaufsstraße gleichmäßig aufteilen. Rückt aber nur eine Bank in die Mitte, hat sie einen Vorteil: Sie teilt sich zwar weiterhin alle Kunden, die sich zwischen ihr und der anderen Bank aufhalten, bekommt aber zusätzlich alle Kunden, die zwischen ihr und ihrem Ende der Straße herumlaufen. Also ziehen die Banken aufeinander zu und treffen sich auf unserer idealtypischen Straße in der Mitte – und bleiben da, denn wenn eine Bank von dort wegzieht, bekommt sie sofort weniger Kunden. Mit diesem Prinzip lässt sich auch erklären, warum Parteien immer weniger unterscheidbar werden und alle um die „Mitte“ buhlen.

Bueno de Mesquita sagt, er könne Entscheidungen der Politik mit der Spieltheorie prognostizieren. Etwa, ob Iran eine Atombombe bauen wird. Er ist sich ziemlich sicher: Iran wird nicht. Man werde lediglich genug waffenfähiges Plutonium produzieren, um an Bomben zu forschen. Aber nicht genug, um sie zu bauen.

Für seine Prognose muss Bueno de Mesquita wissen, wer an der Entscheidung beteiligt ist; welchen Einfluss die jeweilige Person in der Entscheidungsfindung hat; welches Interesse sie äußert; und wie hoch ihre Motivation ist, ihr Interesse durchzusetzen. Außerdem muss bekannt sein, was für die Entscheidungsträger auf dem Spiel steht. Im Falle politischer Verhandlungen ist es das Resultat der Verhandlung, aber auch, in welchem Maße die Beteiligten selber dazu beigetragen haben, und wie dies von außen wahrgenommen wird. Das kann man bei Parteien beobachten, die nach einer Gesetzesentscheidung unisono behaupten, das Gesetz beruhe auf ihren Vorschlägen.

Um die nötigen Daten zu erhalten interviewt Bueno de Mesquita Experten, liest Zeitungsartikel und spricht mit den Beteiligten. Dann teilt er ihnen für alle Faktoren Werte zu. Für Interesse liegen sie zum Beispiel zwischen 0 und 200, wobei 100 für zivile Nutzung der Nuklearenergie steht und 150 für den Bau einer Atombombe. Mahmud Ahmadinedschad hat in Bueno de Mesquitas Modell einen Wert von 180 (Bombe bauen und testen), seine Motivation liegt, auf einer Skala von 0 bis 100, bei 90 und sein Einfluss bei 5. Neben Ahmadinedschad hat Bueno de Mesquita noch 86 weitere Spieler ausgemacht. Würde man ihre Interessen nur entsprechend ihrem Einfluss gegeneinander aufwiegen, käme man schon zu einem relativ exakten Ergebnis. Der Forscher hat aber eine Software entwickelt, die alle oben aufgeführten Faktoren berücksichtigt. Für einen Menschen wäre es unmöglich, da den Überblick zu behalten. Der Computer gibt für Irans Atompläne den Wert 115 an. Konkret: Waffenfähiges Plutonium ja, Atombombe nein.

Bueno de Mesquita macht auch Prognosen für den US-Geheimdienst CIA. Der hat bescheinigt, dass Bueno de Mesquita bei 90 Prozent richtig lag, wenn die CIA-Experten falsch prognostiziert hatten. Außerdem war er bei den Vorhersagen, die auch die Experten richtig hatten, präziser. Allerdings sind viele Prognosen geheim und damit nicht nachprüfbar.

Kritiker bezweifeln, ob man menschliches Handeln überhaupt mathematisch berechnen kann. Schließlich ist eine wichtige Grundannahme der Spieltheorie, dass politische Akteure rational handeln, zumindest fragwürdig.

Thomas König, Politikwissenschaftler an der Uni Mannheim, hat Ende der 90er Jahre bei Bueno de Mesquita an der Universität Stanford geforscht. Er hält die Einwände für unbegründet. Den Grund für unsichere Prognosen auf Basis der Spieltheorie sieht er darin, dass die beteiligten Akteure nicht genügend über die Handlungen und Absichten der anderen informiert sind. Würde man annehmen, dass Politiker irrational handeln, könnte man überhaupt keine Prognosen treffen. Dennoch ist der Einfluss der Spieltheoretiker in Deutschland auf die Politik eher gering. König schätzt, dass sie bei den meisten Politikwissenschaftlern noch nicht angekommen ist. Daniel Etter

(Erschienen im gedruckten Tagesspiegel vom 26.10.2009)

http://www.tagesspiegel.de/magazin/wissen/Spieltheorie;art304,2932591

Schimpansen sind selbstlos – aber nur auf Nachfrage

Thursday, October 15th, 2009

Das haben Biologen der Universität Kyoto herausgefunden. Wie sie im Fachblatt “Public Library of Science”, PLoS, berichten, hatten sie Schimpansen bei Experimenten beobachtet, ob und wie sich die Tiere gegenseitig helfen. Dabei sahen sie, dass die Schimpansen ihren Artgenossen erst dann halfen, nachdem sie darum gebeten wurden, etwa durch Handzeichen. Auch halfen die Primaten ihrem Gegenüber, wenn es keine Möglichkeit des Revanchierens gab. Dies geschah zudem unabhängig davon, ob die Tiere eng miteinander verwandt waren oder nicht. Eine solche Uneigennützigkeit könnte einst die Entwicklung des Altruismus unter Menschen befördert haben, vermuten die Forscher. [mst]

© 2009 Deutschlandradio

http://www.dradio.de/dlf/meldungen/forschak/1051005/

Ocker statt Wunder – Wie man ein heiliges Grabtuch fälscht

Friday, October 9th, 2009

Experimentalarchäologie. – Das Grabtuch Christi ist eine der bekanntesten Reliquien der katholischen Kirche. Allerdings wird die Echtheit des in Turin aufbewahrten Tuches auch regelmäßig bezweifelt. Ein italienischer Chemiker hat jetzt gezeigt, wie Körperumrisse auf eine Fälschung gelangt sein könnten.

Von Thomas Migge
Zunächst machte sich ein Weber an die Arbeit. Er erhielt den Auftrag, ein rund 4,4 Meter langes und 1,1 Meter breites Tuch aus grobem Leinen herzustellen. Dieses Tuch wurde dann gewaschen und erhitzt, eingefärbt, damit es einen leicht bräunlichen und alt wirkenden Teint erhielt, und dann erneut gewaschen. Erst dann machten sich Luigi Garlaschelli und sein Team an die eigentliche Arbeit. Garlaschelli ist Professor an der Universität im norditalienischen Pavia und lehrt Chemie. Der Wissenschaftler und seine Mitarbeiter stellten eine Kopie des Sindone her, einer der wichtigsten Reliquien und Ikonen der katholischen Christenheit. Und das in nur sechs Tagen:

“Wir haben das Tuch auf dem Körper eines meiner Studenten ausgebreitet. Anschließend wurde es mit einem Schwamm abgeklopft. Der Schwamm enthielt einen natürlichen Farbstoff in Pulverform. Im originalen Sindone-Tuch hatte man ja kleinste Rückstände von rötlichem Ocker entdeckt. Dort, wo die Darstellung eines Mannes zu erkennen ist.”

Und so benutzte auch der Chemiker rötlichen Ocker. Das auf dem nackten Studenten liegende Leinentuch wurde so mit der Farbe abgetupft, dass schließlich auf dem Stoff seine Körperumrisse, die Arme und Beine, Finger und Füsse deutlich zu erkennen waren. Für das Gesicht benutzte man eine andere Methode: die Gesichtszüge des jungen Mannes wurden direkt mit dem rötlichen Ocker auf das Tuch gemalt. Mit dem Abtupfen hätte sich das Gesicht nicht so realistisch darstellen lassen. Auch die Wunden, die auf der Körperdarstellung des Originaltuches zu erkennen sind, wurden auf das Tuch gemalt. Die auf dem Turiner Grabtuch zu erkennende Darstellung des Mannes rührt allerdings nicht von der Ockerfarbe und ihren Pigmente her. Die sind mit den Jahrhunderten längst verschwunden, weiß Luigi Garlaschelli:

“Es sind einzelne Stofffasern des Tuches, die sich mit der Zeit verfärbt haben. Unsere Hypothese war die, dass Ocker im Mittelalter kein reines Farbpigment war, sondern auch Säure enthielt, denn diese Farbe wird ja aus einem Mineral gewonnen.”

Folglich sorgte die im Ocker enthaltene Säure dafür, dass sich der Stoff überall dort, wo die Farbe aufgetragen wurde, mit der Zeit verfärbte. Tatsächlich verschwanden die Farbpigmente: entweder mit den Jahrhunderten oder durch einen künstlichen Eingriff Einen solchen künstlichen Eingriff versuchten die Forscher aus Pavia nachzustellen:

“Wir haben also einen Alterungsprozess herbeigeführt. Das mit der Farbe versehene Tuch wurde in einem Ofen erhitzt, für drei Stunden bei 140 Grad. Dann wurde es gewaschen, um die Farbe komplett zu entfernen. Das Resultat ist eine Darstellung wie auf dem Sindone-Tuch.”

Die Ähnlichkeit zwischen dem aller Wahrscheinlichkeit nach aus dem Mittelalter stammenden Original – frühere Radiokarbonuntersuchungen sprechen vom 13. Jahrhundert – und der Kopie der Forscher aus Pavia ist verblüffend. Mit dem von Garlaschelli durchgeführten Experiment könne man sich das vermeintliche Wunder der Darstellung auf dem Originaltuch erklären – eine Darstellung, herbeigeführt mit Hilfe der im Ocker enthaltenen Säure. Jahrhundertelang hieß es, dass die Darstellung des Mannes, der Jesus Christus sein soll, durch wundersame Hand auf das Tuch kam, von Körperstrahlen zum Beispiel, die von dem Leichnam ausgingen, die den Stoff verfärbt hätten. Mit seinem Experiment, das stellt Garlaschelli allerdings klar, könne nicht das Alter des Sindone-Tuches bewiesen werden. Seine Arbeiten zeigten lediglich, dass eine Art Bildnis auf einem Leinentuch im Mittelalter mit Hilfe der damals bekannten Säure im Ocker möglich gewesen sei. Von einem Wunder könne man also nicht sprechen.

© 2009 Deutschlandradio

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